| Teil 1: Verhandlungssache |
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Eigentlich lasse ich mich schon lange nicht mehr verunsichern. Eigentlich. Ungewöhnliche Expeditionen und Projekte bringen neben den üblichen ungewöhnlichen Schwierigkeiten der Organisationen immer große eigene Unsicherheiten am Vorhaben mit sich. In unserem Falle bestand eine der Unsicherheiten in der Reaktion der ägyptischen Bevölkerung, besonders hier im Hinterland, 400 Kilometer entfernt von Kairo, mitten in der Libyschen Wüste. Neue Wege zu begehen bedeutet jedoch auch alte Ängste und Grenzen zu durchbrechen. Nachdem sich ein zunehmender Teil der westlichen Bevölkerung schon ein festes Urteil über den Islam erlaubt hat, war es uns beiden nicht so ohne weiteres möglich, auf eine uns beiden neue Kultur unvoreingenommen heranzutreten. Wie würden die Einheimischen auf unsere kleine Karawane reagieren? Welche Gefahr stellen radikale religiöse Eiferer dar? Welches Risiko bergen bewaffnete Überfälle?
Wie reagieren die militärischen Einheiten, denen wir fast mit Sicherheit über den Weg laufen werden? Was wir mit Sicherheit wussten: Unser Projekt lag in einer rechtlichen Grauzone. Behörden konnten uns im vorne herein kein sicheres „OK“ für die Tour zusichern. Wie Militär und Sicherheitskräfte vor Ort agieren, wie sich die teilweise bewaffnete Bevölkerung verhält wussten wir nicht. „Freunde von mir wurden in Afrika erschossen“ war wohl eine der ersten Meinungen zum Thema. Was als ehrliche Warnung gelten sollte und was uns eher gewünscht wurde schien etwas unklar: „Unverantwortlich!“, „Habt ihr schon ein Spendenkonto eingerichtet, für den Fall, dass ihr entführt werdet? Ich werde nicht spenden!“, „Als uns die Kugeln um die Ohren geflogen sind, sind wir gerannt wie die Hasen.“ und so weiter. Leider durchweg wenig konstruktiv. Aber auch nicht ohne Folgen, vor allem mit dem Gefühl: "Jetzt erst Recht, wir werden uns ein eigenes Bild machen müssen." Die Stimmung zwischen Moslems und Christen beziehungsweise Europäern hat sich in den letzten Jahren nicht gebessert. Stimmungsbilder von vor 30 Jahren waren ähnlich wenig relevant wie Einschätzungen der letzten 5 Jahre. Wie war der Stand der Vorbereitung des Projekts? Für zwei Naturwissenschaftler eher eine Verifizierung vorher berechneter Leistungsprofile. Der Wasserverbrauch wird bei jener Temperatur soundsoviel betragen. Unsere Streckenleistung beträgt minimal 15 Kilometer, bei schwerem Untergrund. Bei einfachem Untergrund über das doppelte. Für 220 Kilometer entspricht das soundsoviel Tagen. Bei einem sparsamen Wasserverbrauch von 4 Litern am Tag unter Berücksichtigung einer 10% Reserve sind wir also 10 Tage autark. Alles unter der Annahme einer Durchschnittstemperatur von unter 37 °C Die Mitnahme eines Satellitentelefons wurde zu Beginn ausgeschlossen. Entweder man plant richtig und benötigt keine Hilfe von außen, und kann autark auf Unglücksfälle reagieren, oder man plant nicht richtig und kann sich gegebenenfalls noch per Telefon verabschieden. Eine Hilfe wäre uns diese Kommunikationsmöglichkeit nicht gewesen. Höchstens eine trügerische Sicherheit. Dass trotzdem einiges ungeplantes eintritt – davon mussten wir ausgehen. Und so war es dann auch. Von diesen Schwierigkeiten wussten wir aber nichts, als wir das erste Mal am Streckenposten standen, der an der Strecke Südlich von Bawiti die Straße blockierte. Im Schwatten eines Baums mit dichter Krone saßen einige Uniformierte. Etwas undiszipliniert waren sie in die staubigen, alten Blechstühle gerutscht. Von einiger Entfernung aus wurden wir deutlich gemustert. Jetzt stehen wir vor den Männern, und ich fummle nervös den „Kauderwelsch“ aus der Tasche. Vor noch nicht einmal 3 Tagen erreichten wir Kairo. Eine Stadt, wie ich noch keine kennen lernen durfte. Ein Schmelztiegel, eine Waschtrommel der fest etablierten, arabischen Lebensweise, in die hin und wieder Europäer eingeschwemmt werden. Die fast mittelalterlich wirkenden Märkte und Straßenstände, der Nil, die Polarisation durch burkaverschleierten Frauengrüppchen vor dem Elektronikhandel, Limosinen und Bettlern. Die abertausenden Autos, die abermillionen Menschen. All das prasselt auf einen ein, wenn man versucht in diesem riesigen Waschzuber, der ab 10 Uhr passender weise Smog und Dunstbedeckt ist, die Orientierung zu behalten. Ein wenig froh waren wir, dass wir schon nach einem Tag die Weiterfahrt in die Oasen organisieren konnten. Nach den gemeinsamen, intensiven Vorbereitungen der letzten Monate war ein wenig Ruhe dringend notwendig. Ich wage zu behaupten, dass Norbert und ich uns während der Vorbereitung der Reise fast mehr gesehen haben, als in der Wüste. Fast. Die Nahrung war nun organisiert, die Sulkys zusammengebaut und bereift. Das „Wasser“, wie ich die grüne und flockige Brühe freundlicherweise nennen will, von der wir die nächsten 3 Wochen trinken sollten, war schon in die jeweils 3 Wassersäcke abgefüllt worden. Diese lagen auf unseren Sulkys. Heute morgen haben wir die sie fertig zusammengebaut. Die kleinen und leichten Rucksäcke, die unser Zugsystem und das Hydrationssystem enthielten, klemmten auf unseren Rücken. Jetzt kommt der letzte Teil der Vorbereitung. Heute und hier wollen wir eine der ersten Testtouren mache, die die nötigen empirischen Werte wie Zugwiderstand auf dem Sandboden, Durchschnittsgeschwindigkeit sowie einige Daten wie Temperatur und Luftfeuchte bringen sollte.
Neben einem Akklimatisierungstraining, mit dem ich immer sehr gute Erfahrung gemacht habe, hieß eines der größten Unsicherheiten zu bewältigen: Können wir die offizielle Erlaubnis durch den ersten Streckenposten erhalten, oder zumindest eine Duldung, oder wird unser Vorhaben an diesem Punkt enden, oder teilweise in die Illegalität oder in den Grenzbereich vor der Illegalität treiben. Denn soweit sind wir uns einig: Falls wir offiziell die Genehmigung nicht erhalten, müssen wir uns eine alternative Strecke suchen, gegebenenfalls bei Nacht die ersten Kilometer bis in die Wüste zurücklegen. Ein gewisses Risiko der Verhaftung bestünde gegebenenfalls, dieses zu minimieren ist jetzt unsere Aufgabe, als sich ein Uniformierter mit leicht nach oben geschwungenem Saddam-Bart zu uns hin bewegt. Ein Polizist im Hintergrund lehnt etwas gelangweilt mit dem Kinn über dem „bösen Ende“ seines Gewehres. Ich bemühe mich deutlich zu machen, dass ich gerade nur ein Buch in die Finger zu bekommen, aber das lässt sich wohl auch daran erkennen, das es gut sichtbar in einer Netztasche am Rucksack hängt. Ich hoffe, dass keiner meint ich fummle eine Waffe heraus. Auch wenn es unwahrscheinlich ist: nur nicht provozieren, ruhig bleiben. „Kopfschuss“... „Gefängnis“... „Entführung“. Ein paar Begriffe kreisen mir im Kopf, als sich das Gesicht des Uniformierten verändert. Der Oberlippenbart wandert über seine Wangen zu einem steilen Winkel nach oben, seine buschigen, schwarzen Augenbrauen heben sich so weit an, dass sie unter das Barett reichen: Er grinst über beide Ohren und hebt beide Hände zum Gruß nach oben: „Salaaaaam! As salam al leikum!“ Sagt er. „Salaaaaam! Al leikum as salam“ Sagen wir. Die etwas jüngeren Bediensteten kommen aus dem Schatten und begrüßen uns. Ab diesem Moment stehen wir in einem Kreuzfeuer aus arabischen und englischen Wortschwallen. Mehr oder minder unbeholfen antworten wir. „Woher wir kommen? - Deutschland.“ „Oh, Tschermani veeery goood!“ „Wohin wir gehen? - Schwarze Wüste!“ „Oh veeeeery far“ „Wir haben vieeel Wasser“ Norbert tritt an seine Sulky und tätschelt auf den großen, schwarzen Sack. „Ohhh“ Ich suche nach worten: „Chamsin, Chimsin... öh Tschampsin Liter, Litros? Aqua... Water?“ „Verdammt, Norbert, was bedeutet 50 Liter Wasser?“ Irgendwie verstehen Sie dann doch. „Wohin wir heute abend gehen?“ „Heute 'al Sarah as Sauda'...Am Abend 'illa Bawiti'“ - Heute kehren wir wieder zurück. Aber: „Bukram-bukram,“ (ein behelfsmäßiges 'Morgen-Morgen' für Übermorgen) „Bukram-nukram illa Farafra“ „Ohhhh Farafraaaaa... Faaaarraaaafraaa“ Er macht eine Geste: Seeeeehr weit weg. Wir nicken begeistert und erklären, dass wir so 10 Tage brauchen werden. Wir tätscheln nochmal stolz auf den Wassersack. Er versteht. Mittlerweile hat die Konversation schon eine viertel Stunde gedauert und wir haben uns erfolgreich davor gedrückt, einen Tee und Wasser mit ihnen zu trinken, obwohl wir diese gastfreundliche Geste nur ungern ablehnen. Aber uns brennt der Sand unter den Füßen und wir mussten schon so viele Einladungen bei wenigen Kilometern durch die Oase „auf Morgen“ verschieben. „Problem?“ Der Beamte schaut ein wenig verdutzt und antwortet bestimmt: „Laaa Problem“- Kein Problem. 50 Liter Wasser pro Person? Macht ihr nur, ihr schafft das schon. Er winkt ab. Ein Deutscher Beamter würde wohl „Bast scho“ sagen. Wobei ich glaube, dass die Verhandlungen für eine Genehmigung dieser Art komplizierter gewesen wäre. Wollen wir nicht doch noch einen Tee? Wir schütteln lachend und dankend den Kopf. „Harr“. „Heiß“ sagen wir und zeigen zum Himmel, wir wollen nicht noch sehr viel mehr Zeit verlieren. Es ist schon früher Mittag. Unsere Reise beginnt eigentlich mit dem nächsten, dem ersten Schritt über die „Linie der Genehmigung“, die durch rot-schwarz angestrichene, leere Ölfässer markiert ist. Zwei Tage Training und Tests. Dann wird es ernst. Die Sulkys schnurren auf dem heißen Asphalt. Es geht leicht bergab. Wir zweigen ab. In den Sand. Wüste ist geil. {moscomment}
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