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Teil 2: Die schwarze Hölle

Wenn irgend ein Ort der Erde den Begriff Wüste verdient hätte, dann diese unwirkliche, endlose schwarze Todeszone.

 Wir sind nun in der „as Sarah al Sauda“, der Schwarzen Wüste. Während wir vor unsere Sulkys gespannt Schritt für Schritt in den gnadenlosen Untergrund investieren, beben die Zweifel. Die letzten Tests in der Wüste haben nun eines gezeigt: Wir sind gut vorbereitet, wir fast perfekt ausgerüstet. Der Weg, den wir uns herausgesucht und über Wochen durch Satellitenkarten gesichert und immer wieder überprüft hatten lag vor uns.

226 Kilometer. 226 Kilometer Wüste. Aber eine entscheidende Variable hatte sich geändert. Die Temperatur. Durch unsere Recherchen über Klimaaufzeichnungen und Wetterkarten hatten wir mit Temperaturen von 35°Celsius gerechnet. Maximal.

Die letzten Messungen hatten jedoch andere Temperaturen gezeigt. 37°C Mittags um 12.

39°C Mittags um 15:00 Uhr. Die Luftfeuchte in der Oase betrug 30 %.

Der Wind kam aus Süd-West. Aus dem Tschad, von den großen Sandwüsten. Die Einheimischen sagten uns, dass die Tage vor unserer Ankunft angenehmer gewesen wären.

„Welche Temperaturen in etwa?“

„Keine Ahnung. Wir haben kein Termometer.“

Es war zu erwarten, dass die Temperaturen wieder etwas sinken würden, bevor sie zu einem Sommerlichen Zenit von Juni bis November anstiegen.

„Ich würde rein stochastisch darauf tippen, dass sich der Temperaturanstieg die letzten Tage um Ausreißer handelt.“ meinte Norbert, als wir uns besprachen. Würden die Temperaturen noch einmal sinken? „Wenn ja, wann?“

Wir benötigen 5 Grad weniger. Es wären dann Temperaturen, die die Hölle erträglich machen würden. Aber wann würden wir sie erwarten? Morgen? In drei Tagen, einer Woche?

Unsere Planung ließ nur zwei Möglichkeiten zu. Entweder wir warten, bis sich die Temperatur wieder etwas absenkt. Unser Zeitfenster war auf maximal 10 Tage begrenzt. Würde die Tour länger dauern, müssen wir damit rechnen, dass wir in den roten Bereich kommen. Der rote Bereich ist jener Teil dieser Tour, der nach einem „Point of no Return“ nur die Möglichkeit ließe das Ziel lebend zu erreichen. Ein Umdrehen wäre nicht mehr möglich. Je höher die Temperatur steigt, desto schneller würde der Rote Bereich erreicht werden. Bei 35 Grad nach etwa 10 Tagen. Bei 38 Grad nach etwa 8 Tagen. Bei 42 Grad nach maximal 5 Tagen. Dass es schlimmer werden würde, daran wagten wir nicht zu denken.

Wenn wir so lange warten, bis die Temperatur gesunken ist, besteht die Gefahr, dass wir unsere Reisezeit überschreiten. Etwa 5 Tage hatten wir als Puffer einrechnen können. Danach hätten wir wohl nach Genua schwimmen müssen.

Dieses schmale Zeitfenster ließe uns nur einen Versuch. Sollte die Tour zu Beginn abgebrochen werden, könnten wir sie nicht nochmal beginnen.

Eine zweite Möglichkeit bestand darin, die Tour wie geplant zu beginnen und unterwegs auf die veränderten Begebenheiten zu reagieren.

Wir entschieden uns für die zweite Möglichkeit.

Insgeheim verfluchte ich diesen Joe und Norbert, die beiden Personen, die vor wenigen Tagen die Entscheidung getroffen hatten, los zu laufen. Aufgrund der erhöhten Temperatur beluden wir die Sulkys mit zusätzlichen 10 Litern Wasser. Nun waren die Handkarren jeweils mit 60 Litern Wasser und 20 Kilogramm Gepäck und Kameramaterial beladen. 80 Kilogramm.

Der Untergrund, der uns bei den Testtouren mit 60 Kilogramm so hart wie Beton vorgekommen war, brach nun ein. Jeder Schritt ließ die Schuhe in den Boden gleiten. Es war ein wenig, als würde man auf einem frisch gewischten Boden versuchen los zu sprinten. Nur in Zeitlupe.

Der Boden bestand aus Sand. Dieser war, als ob er extra für uns gerichtet worden sei über und über mit Kies aus schwarzem Silikat bedeckt. Jeder Schritt, jede Bewegung ließ den Untergrund klirren wie zerborstenes Glas. Gleichsam wurden alle Töne durch den Sandboden gedämpft und verschluckt.

Außer dem Wind, der in den Ohren rauschte, war alles still.

Als ich um 10 auf die Uhr sehe, sind wir schon 5 Stunden auf den Beinen. Die Temperatur steigt ins Astronomische. Die letzten 10 Kilometer haben wir die überladenen Handwägen über Sanddünen geschleppt. Die schwarzen Tafelberge lassen uns erschaudern. In vielen Kilometern liegt eine riesige Bergzunge, die sich wie eine Grenze in die hitzeflirrende Ebene hineinschiebt. Wir haben Angst von der falschen Seite diese Grenze zu passieren. Sollten wir nach 40 oder 50 Kilometern merken, auf der falschen Seite zu laufen, würden wir die überladenen Karren nicht über die 40 Meter hohen steil abfallenden Felsen gewuchtet bekommen. Ich meine, wir müssen südlich daran vorbei. Norbert meint wir sollten nördlich daran vorbei. Das GPS sagt uns, dass wir mitten durch müssten. Wir entscheiden uns für Norberts Alternative. Nach einer Stunde bemerken wir, dass wir alle (inclusive GPS) daneben lagen. Die „Landzunge“ war ein nicht mal 50 Meter hoher Hügel. Die wirkliche Landzunge, die wir passieren sollten, lag noch gut 15 Kilometer weiter westlich.

Die Ferne, die Hitze. Die Stile. Das alles zermürbt einen schneller als man denkt. Wir sparen Wasser und Energie, wo es geht. Trotzdem sind wir um 10 Uhr nassgeschwitzt, als wir beide ungläubig die Klimadaten ablesen. 42°C, 5 % Luftfeuchte. Pause. Bis 16 Uhr müssen wir versuchen der Hitze zu entfliehen. Mein Kopf dröhnt, als wir die Innenzelte aufbauen und schattieren. Wir liegen in einem Tal. Noch 6 Stunden, bis die erlösende Abendkühle kommt.

Ich liege flach im Schatten. Mein Kopf dröhnt. Immer wieder schlafe ich ein und komme eine Sekunde später wieder zu mir. Kein gnädiger Schlaf lässt uns aus dieser Hölle entfliehen. Nicht mal für einen Moment.

12 Uhr. Ich reibe mir den Sand aus den Augen. Die Temperatur ist gestiegen. 44°C.

Es ist unerträglich.

Dabei sind wir heute morgen um 5 Uhr aufgestanden und vor Sonnenaufgang los gelaufen. Der Hitze ausweichend haben wir immerhin 14 Kilometer gut gemacht. Das ist mehr als die halbe Tagesstrecke. Heute Abend werden wir jedoch nur zwei Stunden laufen können, 6 Kilometer bis es 18:00 Uhr ist. Dann wird es innerhalb einer viertel Stunde duster.

Wir trinken in kleinen gemäßigten Zügen, obwohl der Drang kaum zu kontrollieren scheint. Wir sind über und über nass geschwitzt, obwohl wir im Schatten liegen.

Dem einzigen, dem das Wetter behagen mag ist die Solaranlage, die das erste mal volle 5 Watt Leistung schafft.

14:00 Uhr 46°C. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht. Ein wenig ist es ein Gefühl von Trotz. Es kann nicht sein. Es kann nicht sein. Das widerspricht allen Erwartungen, allen Berechnungen. Jeder Empirie. Das darf nicht sein.

Mit jedem winzigen Schluck Wasser rechne ich die verbliebene Menge aus. Berechne ich die Reserven neu. Berechne ich den „Roten Bereich“.

Ganz ehrlich? Es sieht nicht gut aus. Mir ist schwindelig. Mein Schädel scheint zu bersten. Mir ist schlecht. Mein Gesicht ist so aufgequollen, dass ich es im kleinen Display der Kamera nicht wieder erkenne.

Norbert scheint es schwerer erwischt zu haben.

16:00 Uhr. 40°C Die erwartete „Abendkühle“. Ich wanke aus dem Schatten. Norbert wankt aus dem Schatten. Beim Versuch mich einem dunkelgelben, teuflisch brennenden Bedürfnis zu entledigen, meine ich mein Schädel platzt. Mir wird schlecht. Mein Blickfeld verengt sich und ich beginne zu würgen.

Ich komme zurück zum Lager, gerade rechtzeitig um mitzubekommen, wie sich Norbert erbricht.

Hitzschlag.

Jetzt müssen wir wirklich vorsichtig sein. Bis auf einige Spuren von Geländewagen, die jedoch Jahrzehnte lang im Kies eingedrückt bleiben, haben wir seit 48 Stunden keine zivilisatorischen Zeichen gesehen. Hilfe können wir hier nicht erwarten. Vor uns liegt der Anstieg auf das Hochplateau. Über die Bergzunge nach Osten. Weiter von potentieller Hilfe entfernt.

Norbert und ich sind wieder gesattelt und bereit los zulaufen.

Hier entscheiden wir so, weil wir noch entscheiden können

Wir wissen, dass wir ohne Satellitentelefon auf uns alleine gestellt sind. Keine Hilfe ist zu erwarten. Mit einem Telefon hätten wir möglicherweise den falschen Weg gewählt. Der für uns nun einzig richtige ist nach diesem Tag in der Hitze nur einer: Wir laufen unterhalb des Plateaus nach Westen Richtung Straße. Noch ist sie etwa eine volle Tagestour von uns entfernt. Wir werden uns ihr tangential nähern und so in verantwortlicher Nähe zur Hilfe zu laufen. Auf dem Tacho werden 78 Kilometer stehen, bis wir wieder in Sichtweite der Straße sind.

Als es dunkel wird und die Temperatur entlich unter 30°C fällt, sitzen wir noch lange Zeit vor den Zelten und starren in den Himmel. Norbert ist total aus dem Häuschen, weil er einen Stern entdeckt, den er noch nie in seinem Leben gesehen hat. (Norbert ist Hobbyastronom) Ich lasse ich mitreißen und kann mich mittlerweile ernsthaft für Sternbilder begeistern.

Langsam geht mir die Hitze auf die Nerven. Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich noch nie richtig Ski fahren war?

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