| Teil 3: Die Kamelspinne |
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Irgendwie war es doch abzusehen. "Niiicht beweeehhhhgeeeen". Irgend woher wusste ich doch, dass es so kommen musste. Es hätte genauso mich treffen können. Aber jetzt war ich kurze Zeit Zuschauer in diesem Daumenkino. Ja, Daumenkino ist der richtige Begriff. Wenn man ein Daumenkino schnell ablaufen lässt, dann bewegt sich alles schnell. Lässt man es Bild für Bild herunterfallen, gleicht es einer stolpernden Zeitlupe. "Niiicht Bewegen". Zeitraffer. Nur mit Unterhose bekleidet saßen wir unter dem Tarp und warteten die Mittagshitze ab. Mittlerweile waren wir schon einige Tage unterwegs. Die mitttägliche Hitze, die auch heute über 40 Grad stieg war weniger Kräfte zehrend als zu Beginn unserer Reise. Der Tagesablauf war schon routiniert. Bevor die Vögel zu singen begännen (konjungtiv, da der nächste hörbare Vogel noch etwa 120 km entfernt war) stiegen wir morgens 5 aus den Schlafsäcken. Die morgendliche Kühle von manchmal unter 10 Grad wurde mit einem übergestreiften Windstopper überstanden. Lange mussten wir diesen jedoch nie tragen. Nachdem wir kurze Zeit damit verbrachten, Kaffee zu kochen, hatten wir das Lager innerhalb weniger Minuten abgebrochen. Am liebsten wären wir nachts gelaufen. Der Gedanke daran glich ein wenig dem Gedanken kühles, frisches Wasser zu trinken. Aber Nachts wäre das Risiko auf ein Gifttier zu treten ungleich höher gewesen. Außerdem würde uns der Tag kaum die dringend nötige Erholung bieten, die wir in der Nacht bekommen würden. Aber Kaltes Wasser... Kaltes reines Wasser ist jener Traum, den man meist nur dann träumt, wenn man es nicht hat. Wir hatten Wasser. Wir hatten grüne, flockige Brühe. Fachmännisch würde man sagen "Makroskopische Verunreinigung". Wenn wir genügend Wasser trinken würden, könnten wir uns das Essen sparen. Aber wir haben den Wasserverbrauch genau ausgerechnet. Also müssen wir mehr wohl als übel auf das Algenfrühstück verzichten. Aber Morgens ist das Wasser wenigstens kühl. Nach dem Kaffee kochen waren wir meist innerhalb von 20 Minuten am Laufen. Morgens schüttle ich immer das von Sonnenchreme, Schweis und Kalkstaub speckig gewordene Hemd aus. Es bringt zwar weder gesteigertes Wohlbefinden, noch reinigt es das Hemd spürbar, aber irgendwie hat es etwas von Betten lüften alá Frau Holle. Danach glitsche ich in die Ärmel. Es stinkt nicht. NEIN, wir stinken beide nicht. Und es hat ganz bestimmt nichts damit zu tun, dass man selbst so riecht, dass kein Geruch der Welt einen stören könnte. Im Gegenteil: Die Wüste riecht so steril, ist so frei jeglichem Dufts, dass der olfaktorische Sinn verstärkt wird. Man riecht den Fahrradreifen der Sulky, wenn man vor dem Gespann läuft. Wir stinken wirklich nicht, obwohl die letzte Dusche schon mehr als 4 Tage her ist. Trotzdem: jedes mal, wenn ich tief in die Kleidung rieche, empfinde ich einen ganz leichten Geruch zwischen dem morgendlich gegessenen Halva, dem Diesel des Kochers und von Erbrochenem. Die Mischung verstärkt sich dadurch, dass mein Halva im Rucksack wohl etwas Diesel abbekommen hat und nun extrem nach Treibstoff schmeckt. Aber Halva hat rund 2,2 Megajoule/100g. Eine ordentliche Energieeinheit. Halva mit Kaffee schmeckt gut. Der Gedanke aber an Halva mit Diesel und Kaffee zusammen bringen mich heute, fast zwei Monate später, noch zum würgen. Nein, um es nochmal zu betonen, wir stinken nicht, aber wir kleben und der Sand kratzt. Die Kleidung quietscht unter der Bewegung. Während der Mittagspause benötige ich gut eine Minute um das Hemd auszuziehen. Ich könnte jeden Mittag etwa einen Teelöffel Salz vom Hemd abkratzen.
Komplementiert wird das Kleben durch den Sand. Leider ist der Sand hier nicht der Sandkastensand. Die Staubkorngröße liegt zwischen einem gewöhnlchen Sandkorn und einer Menschlichen Pore der Haut. Und zwar genau so, dass das Sandkorn einigermaßen hinein zu passen scheint und dann klemmen bleibt. Die außerhalb der Haut verbleibende Spitze des Korns wird anscheinend dringend benötigt, um die gegenüberliegende Haut auf zu scheuern. Man kkann sich das in etwa so vostellen wie der eingegossene Saphir eines Plattenspielers über eine Schellackplatte kratzt. Meistens sind das die Oberschenkel (und aufwärts) der Achseln. Die hin und wieder aufkommenden Sturmböen frischen den Sandvorrat in den Unterbuxen auf. Wer schon immer mal ein Ganzkörperpeeling genießen wollte, dem sei die Strecke zwischen Bawiti und Farafra empfohlen. Als wir aber Mittags hier an dieser Stelle ankamen wusste ich irgendwie, dass es eine besondere Stelle sein würde. "Norbert", begann ich, weil ich wusste, dass er zwar sehr große Reiseerfahrung in Skandinavischen Ländern hatte, jedoch kaum Reiseerfahrung im warmen Süden, "Norbert, hier müssen wir ein wenig vorsichtig sein. Das ist eine typische Stelle für Schlangen, Spinnen und Skorpione!"
Wir hatten diesen Würfel schon von weitem gesehen. Das würde unser Mittagslager sein. Nachdem es schon weit nach 12 Uhr war und die Temperaturen wirklich unangenehm wurden, waren wir froh in der Ferne diesen vielleicht seit einigen hundert Jahren nicht mehr verwendeten Wachturm zu sehen. Die grob aufeinander gelegten, aber ohne Mörtel fest passenden Steine bildeten einen quadratischen, leicht eingestürzten Mikkokomplex direkt unter eines der schwarzen Hügeln der letzten Ausläufer der schwarzen Wüste. Wir stellten das Tarp auf und waren froh etwas Schatten genießen zu können. Ich kümmerte mich um die Kammera. Seit einigen Tagen quietschte sie beim Zoomen. Auch die Mikrofone waren in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Sensor war anscheinend durch einige Sonnenaufnahmen beschädigt worden. Er zeigte einen deutlichen schwarzen Schatten am linken Rand. Während ich mich noch ein wenig darüber aufregte, sah ich aus den Augenwinkeln etwas gelbes. Unglaublich schnell flitzte es die Mauer herunter, an der wir das Tarp aufgestellt hatten. Plötzlich war es in einer Mauerspalte verschwunden, um im selben Moment am Fuße der Mauer auf zu tauchen. Eine für unsere Maßstäbe riesige Spinne flitzte mit irrsinnigem Tempo über die Steine, zwischen uns hindurch. Ich sprang auf, kramte nach der Spiegelreflex und klemmte das große Teleobjektiv ein. Während dessen versuchte Norbert die geschundene Filmkammera zu aktivieren. Irgendwann war sie weg. Sie wollte wohl nicht mehr darauf warten, bis wir bereit seien zu filmen. Irgendwo war sie zwischen den Steinen verschwunden. Eine Stunde später war es noch heißer geworden. Wir dösten im Schatten. Hemd und Hose entledigt lagen wir regungslos da. Ich glaube sogar, dass wir ein wenig eingeschlafen waren. Die hier in der Wüste sehr penetranten Fliegen nervten. Norbert, (der noch nicht in Australien war das dort obligate Fliegentraining noch nicht absolviert hat ;) ) , versuchte erfolglos, die Fliegen zu verscheuchen. Irgendwann setzte sich vermeintlich ein besonders großer "Brummer" auf sein Bein. Es war wohl gerade jener Moment, als er zuschlagen wollte, als wir eide merkten, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich versuchte mit betont ruhigem, aber bestimmten Ton zu sagen: "Noorbert, niiicht beweeeeeeehgeeeen!" Unweigerlich fuhr er hoch.
Die Handteller große Spinne raste über seinen Körper. "Niiicht bewegeeen!" Norbert saß nun aufrecht und fast regungslos da. Aber das war schon zu spät. Die Spinne geriet in Panik und flitzte ohne Unterlass auf und ab. Statt von dem armen Kerle runter zu springen versuchte sie zuerst Unterschlupf in den Achseln, dann im Schritt zu finden. Genau an jener Stelle, an der Unterhosen einen kleinen Spalt geöffnet zu sein pflegen. "Hit them, hit them very hard!" hatte mir einmal ein Australier geraten. Wenn dich eine Spinne angreift, zerklopfe sie einfach. Zermatsche sie. Die Zähne und Beine funktionieren nach einem Hydrauliksystem. Zerreibst du eine Giftspinne vor oder während dem Biss, kann sie nicht schädigen. Und ich schlug. Ziemlich hart sogar. Leider war die schnelle Spinne schon woanders, als sich meine drei längsten Finger als rotes Negativ auf Norberts Haut abzeichneten. Die Spinne raste weiter. Auf dem Bauch war sie mir entkommen. Jetzt suchte sie wieder Zuflucht zwischen den Beinen. Daumenkino. Jetzt war alles wieder in Zeitlupe. Die Spinne schien auf der Stelle zu stehen. Ich holte ein zweites mal aus und wischte mit einem weiteren "Fitschhh" die Spinne vom Oberschenkel. Meine Halsschlagadern schienen zu platzen. Mein Puls war mindestens so hoch wie Norberts, der so tapfer ruhig gesessen war. Vor uns lag auf dem Boden eine große Kamelspinne. Keine wirkliche Spinne, sondern eine ganz eigene Gruppe. Es ist eine der Tiere, die Reptilien, Skorpione und kleine Vögel frisst. Jetzt schwimmt sie vor mir in Spiritus und ich denke daran, wie schnell sie war. Eigentlich schade. Aber ehrlich gesagt: nur eigentlich. {moscomment} |