Name:

Email:

Kurstermine

Pflanzliche Notnahrung
Beginn: 18.05.2012, 16:30
Freie Plätze: 5

Red_Individual_Fra
Beginn: 26.05.2012, 07:30
Freie Plätze: 16

GreenCourse
Beginn: 01.06.2012, 16:30
Freie Plätze: 0

RedCourse
Beginn: 15.06.2012, 16:30
Freie Plätze: 4

Tierische Notnahrung
Beginn: 23.06.2012, 16:30
Freie Plätze: 10




Teil 4: Die Sandstürme

 Es war Morgen. Während uns während der letzten Tage die Sonne besonders Morgens und Mittags gegeißelt hatte, war der Himmel trüb. Als wir in der Frühe aufgestanden waren, konnten wir das erste mal nicht bei Sternen oder Mondlicht packen. In den ersten Nächten hatten wir den vollen Mond über uns stehen gehabt.

Pünktlich wie berechnet erschien er am Horizont und ließ mich die ersten Nächte kaum schlafen. Ich bin nicht „Mondfühlig“, sondern das Licht schien dermaßen grell durch das Moskitonetz, dass man Zeitung hätte lesen können. Jeden Abend war es etwas länger hell. Dafür verschob sich der Mondaufgang jeweils um eine Stunde.

Norbert konnte mir genaueres sagen. Wenn ich mich recht erinnere, dann geht der Mond jeweils ein-achtundzwanzigeindrittel Tag später auf. Glaube ich.

Mittlerweile war ich einigermaßen fit im Erkennen der lokalen Sternzeichen. Durch meinen Reisepartner hatte ich nicht nur einiges Astronomisches dazugelernt, ich habe auch den Gefallen daran entdeckt. Da ich schon immer physikalisch versiert und schulisch etwas vorbelastet war, konnte ich dem angehenden Physiker während der Stundenlangen Gespräche im Laufen immerhin manchmal gedanklich folgen.

Während der Gürtel des Orion, Casiopeya und wie sie alle hießen mit tausend kleinen Funken leuchteten, saßen Norbert und ich oft noch lange in der Nacht und konnten uns nur schwer von diesem unglaublichen Anblick losreißen.

An jenem Abend waren wir aber zu erschöpft. Die Luftfeuchtigkeit war auf dem Hochplateau zwischen der schwarzen und weißen Wüste höher als sonst. Am Vorabend haben wir die Tagesstrecke von über 30 Kilometer komplementiert. Krönender Abschluss war der Anstieg auf das Hochplateau auf dem hier einzig möglichen Weg, dem Asphalt. Schon während des Aufstiegs merkten wir, dass hier ein anderes Klima herrscht. War bis jetzt die drückende Hitze und die häufige Windstille problematisch gewesen, erfassten uns nun das erste mal die Böen aus dem Norden. Uns blieb nur eine mögliche Erklärung: Der Wind hat gedreht und er kommt nicht mehr aus dem Tschad, sondern aus dem feuchten Nildelta im Nordosten. Hier oben war nicht nur der Wind anders, die gesamte Umgebung schien sich innerhalb weniger Kilometer vollständig zu ändern. Beherrschten bisher die schwarzen und kantigen Silhouetten der Schwarzen Wüste unseren Weg, waren die Formen nun heller, flacher und vielfach runder und glatter. Der Wind jagte die feinen Partikel der Sahara über die Steine, und über uns. Das erste mal waren wir genötigt uns mit dem Turban sandfest zu verpacken.

Nun war der Staub endlich auch in allen Kameras angelangt. Die Einschlüsse in der Filmkamera wurden immer größer und der Auslöser der Spiegelreflex funktionierte nicht mehr zuverlässig. Der Fokus quietschte unangenehm und der jedes Mechanische Teil ließ ein deutliches Kratzen hören.

Der Sturm verstärkte sich immer mehr. Bald waren wir daran gewöhnt bei jeder Böe die Augen zu schließen und kräftig durch den Turban zu schnauben, um zu verhindern, dass der Sand den Weg in die Nase findet. Die Haut wurde langsam taub durch die permanenten Partikelbeschüsse. Durch den aufgeriebenen Kalk der weiter südlich liegenden weißen Wüste waren die Finger zusätzlich teigig und schmierig wie durch feuchtes Magnesia.

Als wir Abends versuchten einen Windstillen Platz zu finden, entschieden wir uns für eine Südlich und Westlich durch kleine Felsen geschützte Stelle. Die Sturmrichtung war den Tag über von Norden Richtung Sonnenuntergang gewandert und war mittlerweile stabil auf Ost angekommen. Als wir müde unsere aufgeweichten Couscous mit einer Fischdose herunterschlangen und in die Schlafsäcke verschwunden waren, schliefen wir bald ein.

Zuerst fühlte es sich an wie Regen. Irgendetwas war „falsch“.

Als ich die Augen aufschlug musste ich unwillkürlich blinzeln. Meine Augen waren bedeckt durch feinen Sand. Mit jedem Windstoß wurde neues Material auf uns und in unsere Zelte geblasen, die als Moskitonetze aufgebaut waren. Norbert war anscheinend auch schon wach geworden. Mit jeder weiteren Böe wurden die schon übel geröteten Augäpfel weiter mit den spitzen kleinen Kalk- und Silikatstückchen paniert. Das Blinzeln tat am meisten weh. Wir mussten wohl oder übel unsere sicheren Zelte verlassen, um mit roher Gewalt das Überzelt mit Hilfe von Rockpins in den harten Untergrund zu schlagen.

Im Licht der Kopflampe konnte man gerade einige Meter sehen. Wie in trüben Wasser, das feine Partikel am Taucher vorbeiströmen lässt, wehte der dichte Sandvorhang an uns vorbei. Man hatte zeitweise das Gefühl in die entgegengesetzte Richtung zu treiben. Es war gerade 22:00 Uhr. Wir hatten kaum zwei Stunden geschlafen. Als wir uns aufrichteten und in den Wind blickten, merkten wir, was passiert war: Der Sturm hatte innerhalb kürzester Zeit die Windrichtung gewechselt: Er kam nun genau aus Norden. Die uns vermeintlich schützenden etwa metergroßen Felsen fungierten nun als Trichter, der unsere Zelte in eine Windkanal liegen ließ. Unter diesen Umständen die Zelte abzubauen und woanders wieder zu errichten war unmöglich. Bei diesem Wind wäre das Risiko zu groß, dass eines der Zelte in die Unendlichkeit der Wüste verschwinden würde.

Wir lagen nun in den Zelten. Unter dem Überzelt wurde nun weiterer Sand eingeblasen. Sogar noch stärker als zuvor. Aber immerhin standen die Zelte nun sicher. Wir waren glücklich, dass wir so kleine Zelte hatten, dass der immer stärker werdende Sturm sie wohl nicht ganz ernst nahm und deshalb stehen ließ oder übersah.

Ganz ehrlich gesagt weiß ich nicht so ganz, wer für den Sturm dort unten in der Wüste verantwortlich war. In Australien hätte ich mich einigermaßen sicher gefühlt: Dort wachen die mächtigen Ahnen über die Naturgewalten. Wer sich ihnen gegenüber respektvoll verhält, hat nichts zu befürchten. Aber Ägypten? War für den Wind hier draußen nun eines der Altägyptischen Götter verantwortlich, oder war es Allah. Zwischendurch könnte wohl aber auch nach langen Zeiten der Christianisierung eines der in Europa üblichen Gottheiten zuständig sein. Pflichtbewusst und Traditionskonform mit den hier früher lebenden Nomaden hätte ich wohl eine Bitte an Allah adressieren müssen.

Trotz all dieser unklar verteilten Kompetenzen bezüglich des Wetters blieben die Zelte stehen. Die Sulkys waren durch 30 Liter Wasser gesichert.

So quälten wir uns am nächsten Morgen aus den vollständig versandeten Schlafsäcken und versuchten die Ausrüstung vom Staub zu befreien. Um etwa 4 Uhr war der Sturm plötzlich vorbei gewesen. Uns erwartete ein Sonnenaufgang im Zwielicht der mit Staub gesättigten Atmosphäre.

Heute würde es weniger warm werden hofften wir. Aber noch inständiger  wünschten wir uns, dass der Wind nicht stärker werden möge.

Ein Irrglaube, wie sich bald herausstellte.

{moscomment}