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Pflanzliche Notnahrung
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Teil 5: Die Weiße Wüste

 Es ist eine Frage der Wahrnehmung.

Nachdem wir mit den Vorbereitungstouren bei Bawiti nun insgesamt 8 Tage in von schwarzen Bergen eingeschlossenen Ebenen unterwegs waren, kam uns die neuerliche Wüstenänderung besonders polarisierend vor.

Weitstreckenwanderer, die sich mit sehr großen Tagesetappen über Entfernungen von 30 Kilometern und mehr voran bewegen, können mit Sicherheit nachvollziehen, wie schnell sich die Vegetation, das Klima, die Geologie sich innerhalb von 10 Kilometern ändern kann.

Durch die schwarze Hölle quälten wir uns bei 46°C. Mittags wurde es in den abwechselnd engen Schluchten und weiten Ebenen der schwarzen Senke unmäßig warm. Als wir innerhalb der Tagesetappe 5 das Hochplateau erreicht hatten verschwanden die schwarzen Tafelberge mit einem Schlag. Eine weite und nahezu felslose Ebene erwartete uns. Innerhalb von 40 Kilometern änderte sich jedoch das Bild wieder. Die falchen Kreidefelsen wuchsen und bildeten erste Hügel, später Monolithen dann riesige Felsformationen.

Nun waren wir etwa bei Kilometer 170 in der Weißen Wüste angekommen. Der Tacho, der durch die 80 Kilometer durch die Feuersteinkießoberfläche der schwarze Wüste beschädigt worden war, ist später irgendwo bei 120 Kilometer stehen geblieben. Unsere Gesamtstrecke ist durch den Umweg, den wir durch die schwarze Wüste genommen hatten um etwa 45 Kilometer verlängert worden.

Von der Hochebene führte die Straße steil in eine weiß gleißende Ebene. In weiter Entfernung waren große Felsquader zu sehen, die fast an ein Tor erinnerten. Als wir uns vornahmen, dort die Mittagspause zu beginnen, wussten wir nicht, dass sie noch fast 30 Kilometer entfernt waren. Der Himmel war seit nun fast drei Tagen nicht mehr klar geworden. Die großen Mengen des Wüstenstaubes und eine Luftfeuchte von rund 20 % ergaben eine schweißtreibende Kombination. Obwohl das Thermometer hier nicht über 35°C steigen mochte, schwitzten wir die Hemden innerhalb kürzester Zeit nass. Fast sehnten wir uns an die trockene Hitze zurück, aber das hiesige Klima ließ uns unsere Laufstrecke beträchtlich erweitern. Noch vor 12 Uhr hatten wir 20 Kilometer "gepowert". Irgendwie darf man auch "gewürgt" sagen. Die insgesamt letzten 40 Kilometer waren wirklich nur "gewürgt". Unsere Tagesetappen sollten sich in den letzten Tagen trotzdem noch weiter steigern lassen.

 

Als das vorankommen um fast 13:00 Uhr unangenehm wurde, waren wir subjektiv den beiden Steinquadern nicht näher gekommen. In weiter Entfernung lagen sie, nun aber immerhin so deutlich um zu erkennen, dass es sich nicht um ein "Steintor" handelt, sondern um zwei gigantische Monolithen. Mittlerweile konnten in der Umgebung kleinere Felsen erahnen. Direkt am Straßenrand standen vereinzelte Steinnadeln. An einem Straßenschild befestigten wir unser Tarp. Auf der gegenüberliegenden Seite lagen tausende von Erdnüssen, die vor einiger Zeit hier von einem umgekippten Lastwagen aus der Oase Farafra liegen geblieben waren. Norbert und ich sammelten in der brütenden Hitze jeweils eine Mütze voll und begannen im Schatten zu knabbern. Ich aß deutlich mehr als Norbert, die ungerösteten Nüsse schmecken nicht sonderlich gut, aber wie sich herausstellte dienten sie ideal um kolikartige Bauchschmerzen und Übelkeit hervorzurufen.

Dementsprechend träge begannen wir mit unserer Abendstrecke.

Immer wenn wir uns von unserem nächtlichen oder mittäglichen Lager aufrafften, hinkten wir die erste halbe Stunde. An ein ordentliches Vorankommen war in dieser Zeit nicht zu denken. Die kleinen Fußzehen, Fersen und Ballen schienen sich in einzelne Schichten aufzulösen. Das blanke Fleisch war rosarot unter der aufgerissenen Haut hervorgetreten. Der Sand in den Socken tat sein Übriges.

Meine Vermutung ist, dass mit etwa einer halben Stunde des Auftretens einerseits die Wundränder so stark belastet und bewegt worden sind, dass sich die Schmerzen durch "aufwärmen" lösen, und andererseits, dass durch den starken Schmerz eine deutliche Menge an körpereigenen Opiate ausgeschüttet werden.

 

 

Nach langen Strecken, besonders am Abend erlebe ich hin und wieder, dass der gesamte Körper schmerzfrei wird. Wie in einem Zustand der Trance verliere ich jegliches Körpergefühl und beginne unwillkürlich die Geschwindigkeit zu steigern. Norbert musste mich hin und wieder etwas zurückholen und bremsen. Dieser Zustand hält an diesem Abend über eine halbe Stunde an. Sobald er beginnt zu verschwinden und die Schmerzen wieder kommen, laufe ich einen Schritt schneller, bis ich wieder wegdämmere. Dabei muss ich unwillkürlich breit grinsen. Ich bin mir sicher, dass dieser Zustand nicht gesund sein kann. Und ein wenig beneide ich Norbert, dass es ihm nicht widerfährt. Wobei, ich glaube er beneidet mich manchmal auch ein wenig um diese Minuten der gnädigen Trance.

Wir erreichen die Weltberühmten Cristal Mountains. Hier klettern Touristen auf Felsen und fotografieren die Kristalle. Die Fahrzeuge müssen sie in einem Abstand abstellen, der die Panoramafotos nicht behindert. Norbert macht ein paar Bilder von den Touristen, während ich am Fuße des Felsens im Sand liege- eingemummt im Turban- und etwas döse. Die Touristen fotografieren mich. Der Wind hat mittlerweile aufgefrischt. Wir erreichen den Nationalpark der "weißen Wüste". Hier werden zahlende Touristen von Farafra aus von "echten Nomaden" oder solchen, die es meinen mal gewesen zu sein, zwischen den Monolithen mit Geländefahrzeugen und Kamelen hindurch gescheucht.

Eine Armada von Französischen und Belgischen Wohnwägen campiert genau unter den berühmtesten Monolithen der Wüste. Irgendwie war es in der schwarzen Wüste ruhiger gewesen. Und irgenwie fühlen wir uns besser als die "Touristen". Irgendwie wissen wir aber auch, dass wir nicht absolut anders sein können, auch wenn ich mir für die Reise immerhin eine "deutsche Fassung" des Koran eingepackt habe und Norbert unter Beifall und großem Gegacker der Zuhörer auf Arabisch einen "sahnigen Nachmittag" wünschen kann.

 

Endlich ist die Sonne untergegangen und wir stellen unsere Zelte nach 35 Kilometern Tagesstrecke im Windschatten dreier großer Felsen auf. Die beiden Monolithen, die wir am Vormittag gesehen hatten liegen nun etwa im Osten von uns. Die Umgebung wird in ein unwirkliches Licht getaucht.

Wie gigantische Kathedralen, Schlösser, Burgen und Mauern stehen die unglaublichen Steinformationen seit Millionen von Jahren. Irgendwann wird von ihnen nichts mehr übrig sein. Irgendwann werden sie auf den Grund abgeschliffen worden sein, abgewetzt von Sturm und Sand. Bis dahin werden alle unsere Spuren verweht worden sein. Bis dahin wird sich sicher auch niemand mehr daran erinnern, welche prägende Momente wir in dieser Einsamkeit erlebten. Als sich der Wind legt und den Himmel auf den Sternenhimmel frei gibt, fühlen wir uns sehr vergänglich.

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