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Red_Individual_Fra
Beginn: 26.05.2012, 07:30
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Beginn: 01.06.2012, 16:30
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RedCourse
Beginn: 15.06.2012, 16:30
Freie Plätze: 2

Tierische Notnahrung
Beginn: 23.06.2012, 16:30
Freie Plätze: 8




Tag 1,04. September 2006 Die Straße

 Das ist sie. Die letzten Meter der großen Straße liegen vor uns und wir bewältigen, überwältigen sie geradezu unverschämt vom Ziel her, umgekehrt wie ein Marathonläufer, der vom Ziel in Richtung Start läuft. Das nächste mal, wenn wir diese Schritte hier machen, diese Meter der Straße unter uns wegschieben- denn ich bin mit Markus einer Meinung: Wir laufen nicht AUF der Erde, sondern wir stehen und schieben die Erde uns weg- das nächste Mal werden wir knapp 500 km „weggeschoben“ haben.

 Bild: Vor der Reise. Frisch, jung, unbesorgt.

Heute Morgen sind wir in der Nähe des Jettys von Derby aufgebrochen. Gestern Abend fuhr Micha mit dem Greyhound Richtung Norden, um uns sehr viel später wieder zu sehen. Die Gibb River Road endet hier, indem sie nach einer unendlich erscheinenden Strecke blind auf den Derby Highway stößt. Ein wenig sieht es aus, wie ein Fluss, der sich mit einem größeren Strom vereinigt. Von diesem Punkt aus werden wir versuchen zu unserem Startpunkt zu trampen. Alle anderen Versuche einen Transfer an die Gibb Ranges zu organisieren schlugen fehl. Schon seit über einer Woche stand ich im Kontakt mit Aboriginals, die bei Mt. House in einer Comunity wohnen. Leider ist die Verlässlichkeit nicht besonders gut.


Bild: Markus der Feuerwehrmann, Recycling der morgendlichen Cola

J. ein australischer Freund von Micha und mir sagte uns, dass viele Aboriginals Hellhäutigen gegenüber so sehr misstrauisch sind, dass sie ihnen Wünsche „von den Lippen ablesen“ und Versprechen machen oder Hilfe anbieten, ohne sie halten zu können.

Auf unseren fast 10 km von unserem Schlafplatz zum Beginn bzw. Ende der Gibb River Road liefen wir langsam, zeitweise bedächtig, zeitweise euphorisch. Wochen des Abenteuers, der Bedrohung, aber auch des Leids und der Sehnsucht lagen vor uns. Sie lag vor uns. Die Temperatur hatte so früh am Morgen noch nicht den Mittagszenit von knapp 40 Grad erreicht. In wenigen Wochen sollten es 45 Grad werden. Doch bevor wir Derby verlassen hatten, erfuhren wir eines der vielen kleinen Wunder, die uns auf der Expedition noch häufiger ereilen sollten. Durch uns aufgeschreckt verließ ein Schwarm rosa Kakadus den Strommast vor uns. Jedoch nicht alle Tiere flogen in den Himmel. Eines nämlich flog (nach einer kurzen Berührung mit zwei Strom führenden Drähten) gen Boden. Als ich es bemerkte musste ich unwillkürlich an etwas denken, das mir schon öfters gesagt wurde. „Die Erde hier ist schwanger des Geistes der Ahnen“. Der Geist, der „Spirit“ der Vorfahren (obgleich anderer Hautfarbe) begleitet uns und er wird (so der Glauben einiger Stämme) in den kleinen und trotzdem energiereichen Wirbelstürmchen manifestiert uns,die Lebenden an seine Existenz erinnern. Eines dieser Geister muss also mit uns Mitleid gehabt haben und dachte sich, dass wir vor so einer selbst gewählten Entbehrung noch etwas zwischen zum Knabbern bräuchten.


Bild:Keine Ahnung, was so ein Kakadoobrathändl auf dem Oktoberfest kosten würde, aber ih denke einiges

 

Wir nahmen dieses Geschenk dankbar an und ich bereitete den Vogel zum Essen vor. Hier, noch vor dem Beginn des eigentlichen Abenteuers nahmen wir uns also die Zeit einen Kakadoo zu grillen.

Mittlerweile war es 10 Uhr und wir befanden uns noch nicht einmal richtig auf der Strecke. Wir sollten doch so schnell wie Möglich den Ausgangspunkt erreichen. Aber mal ehrlich, wer würde schon so ein herrliches Grillhähnchen verschmähen (und den edlen Spender beleidigen)? Nach einer halben Stunde hatten wir die Sulkys auseinander gebaut und alle Taschen zum Trampen gerichtet. Die Ersten Zweifel krallten sich in meinen Nacken. Zwei Männer. Zwei große Männer. Zwei große Rucksäcke, eine Ortliebwickelverschlusstasche und einen 10 Liter Wassersack. Außerdem zwei Sulkys. Zwei große Sulkys. Als ich den Gepäckhaufen neben uns sah wurde ich schwer unruhig. Wenn ich Fahrer wäre, würde ich uns mitnehmen? Nun, zur Not können wir uns aufteilen. Nur ein großer Mann, eine große Sulky... Nach eineinhalb Stunden hielt endlich ein Auto. „ I could bring you 9 k’s further“ Naja, immerhin 9 von 475. Also gut. Mit runzliger Stirn sieht uns der freundliche Mann zu, wie wir den Kofferraum seines Geländewagens füllen. Nach sicherlich weniger als 9 Kilometer lässt er uns heraus. 13 Uhr. Die Hitze wird unerträglich. Der Vogel liegt schwer im Magen. Hatten wir ihn doch erst zwei Stunden nach unserem letzten (ausgiebigen) Frühstück der Zivilisation verdrückt (Pflichtgefühl gegenüber den Wirbelstürmen).

14 Uhr das zweite Auto passiert uns in unsere Richtung. Ich hatte die Strecke tatsächlich stärker frequentiert in Erinnerung. Das lag jedoch daran, dass ich damals vor drei Jahren knapp einen Monat früher und bei 10 Grad weniger im Durchschnitt unterwegs war. Ein Kleinbuss passiert uns. Er hält. Diesmal runzeln wir die Stirn, als wir das Gepäck auf die Rückbank der beiden Holländer stapeln. Der ältere der beiden nach intensiven Biergenuss deutlich angeschlagen, der jüngere mit dem Zweiradantrieb des klapprigen Busses auf einer Piste, die für Allrad ausgeschrieben ist deutlich überfordert. Aber es geht voran. Pinkelpause; das Anfahren des jüngeren und ein 40 Meter langes Schlittern und Rutschen über den Staub lässt Markus und mich innerlich Kreuze schlagen. Bei Sonnenuntergang sehen wir die Felskette der Napier-Ranges. 125 Kilometer sind wir den Gibb Ranges näher gekommen.

Lennard River, letzte Oase vor 120 km bis Derby, Erste Oase nach Leopold Ranges.

Wir stürmen dem sicheren Wasser des hier kreuzenden Lennard-River entgegen und schlagen auf den Felsen unser Lager auf. Waschen, Wasser filtern, Trinken. Unglücklicherweise fangen wir noch 3 große Fische sowie eine Süßwassergarnele, welche wir grillen und uns vollends en Magen überdehnen.

Bild: Black Bream, nach Tipp der Natives nicht Schuppen, nicht ausnehmen, sondern einfach in die Glut. Aber auch ausgenommen und geschuppt ganz lecker.

Nachts weckt uns eines der beiden Krokodile im Tümpel unter uns auf. Wir nennen sie später Emil und die Detektive. Das eine heißt „Emil“ das andere heißt „und die Detektive“.

 

 
Tag 2, 05. September 2006 : Outbackbier schlägt man nicht aus

Nun hat mich die Gibb wieder. Nach drei Jahren bin ich wieder vollständig in ihren Bann gezogen worden. Die Einsamkeit, die schwer beschreibbare Melancholie, die über der knapp 30 Jahre alten Piste schwebt lässt uns still werden. In Gedanken sind wir schon viel, viel weiter. Nachts haben die Krokodile einen unglaublichen Lärm gemacht.

Diese bedrohlich wirkenden, grunzenden Rufe sowie der fett im Zenit stehende Vollmond haben mich wie die letzten Nachte nur schlecht schlafen lassen. Sicher ist es auch ein wenig das bevorstehende Abenteuer, das nun nicht mehr in der Zukunft liegt, sondern aktuell ist. Fast zwei Jahre haben wir uns auf diese Tour vorbereitet. Noch kurz vor der Reise habe ich in einem Tourenlogbuch einen Eintrag der letzten Tage auf der Gibb ’03 gelesen. Schon damals gab es den Gedanken, eine Idee dieser Tour. Seinerzeit jedoch noch ohne den festen Vorsatz.

Bild: Der Vollmond lässt mich nicht schlafen. Markus schlummert - er hat Jetlag ;)

Stuck. 11 Uhr. Wir sitzen fest. Etwa 5 Kilometer Süd-Westlich von hier macht die Gibb eine Kurve. Dort verlassen die meisten Wägen die Piste, um auf einem besseren Track an zwei Nationalparks – Tunnel-Creek und Winjana-Gorge vorbei nach Fitzroy-Crossing zu kommen. Heute Nacht hat ein letzter Road-Train den Lennard River überquert. Seither ist kein einziges Auto in unsere Richtung gefahren. Viele Geländewägen fahren bis zum Lennard River, um wieder umzukehren um die besagte Strecke nach Fitzroy zurückzulegen. Immer wenn wir einen solchen sehen springen wir auf um uns bemerkbar zu machen und setzen uns einen Moment später wieder, da das Auto am Horizont in falscher Richtung verschwindet. Ein großer geländefähig ausgebauter Bus passiert uns. Der Gibb-River-Bus-Service. Der Fahrer hupt und winkt uns fröhlich.

Nach weiteren zwei Stunden hält ein Geländewagen. Ein Canadier und eine Australierin in vollständig überfülltem Wagen halten, nur um uns zu sagen, dass sie uns mitnehmen würden, wenn es noch etwas Platz gäbe. Wo ein Wille ist, ist jedoch auch ein Weg. Nachdem wir beide von ihrem Willen überzeugen können, zurren wir die Sulkys auf dem Dach fest. Markus sitzt auf der Rückbank, besser er liegt auf der Rückbank, da das Gepäck so hoch gestapelt ist, dass er nicht aufrecht sitzen kann. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, nicht sonderlicher bequemer, da die Australierin zwischen mir und dem Fahrer sitzt. Knapp hundert Meter nach dem Fluss und unserem Lager fahren wir an einer überfahrenen, 2 Meter langen und bedrohlich verkrampften King-Brown-Schlange vorbei. Die Spuren dieser Schlange sowie die deutlich kürzeren und tieferen Schleifen der Death-Adder, der Todesotter, begegnen uns seit diesem Zeitpunkt ständig.

Wir passieren endlich die so lange vor uns liegenden Napier-Ranges. Wir bekommen beide weiche Knie, als wir auf Serpentinen durch die King-Leopold-Ranges fahren. Hier schlängelt sich die Straße bis auf über 500 Meter um dann in Jump-Ups auf 200 abzufallen. Wieder und wieder. 80 Kilometer lang. Seit diesem Moment haben wir beide großen Respekt vor dieser Bergetappe und wünschen uns mehr als einmal, dass sie später auf dem Rückweg nicht im sonst so geraden Weg liegen möge. Wir werden am Turn-Off zum Bell Gorge-National-Park herausgelassen. Wieder stehen wir zwei Stunden. In weiter Entfernung sehen wir eine riesige Staubwolke. Es ist einer der risikobereiten Männer, die sich trauen die bis 50 Meter lange Road-Trains auf dieser schlechten Piste zu fahren. Ursprünglich wurde die Gibb-River-Road zum Abtransport von Vieh gebaut. Die ersten Jahre war es nur ein etwa 3 Meter breiter Streifen im Busch. Später wurde die Schneise verbreitert. Heute durchqueren neben Geländewagen nur diese verrückten Kamikazefahrer auf der Waschbrettoberfläche den Busch.


Bild: Kamikazefahrer auf der Gibb-River-Road: Die Road-Trains

Wir fotografieren, und bemerken, dass der Fahrer mit dem Retarder bremst. Schon in kilometerweiter Distanz hören wir das schnappende Geräusch. Der Bloke, wie Aussies diese Art von Menschen gerne nennen, nimmt uns mit. Ich auf dem Beifahrer Sitz und Markus im hinteren etwas erhöhten Alkoven - liegend. Da der Road Train nicht über 60 km/h fährt vibriert das gesamte Zuggespann unglaublich. Wir werden durchgeschüttelt. Die Waschbrettwellen der Straße finden genau bei dieser Geschwindigkeit ihre Resonanz. Als wir dem Fahrer von unserem Vorhaben erzählen, meint er Lapidar: "Naja, zwei Tote mehr in der Statistik der Gibb-River-Road". Uns häng dieser Spruch nach, da die Strecke tatsächlich für ihre Gefährlichkeit bekannt ist. Wir nehmen uns fest vor nicht zur durchschnittliche Statistik zu gehören.


Bild: Geschüttelt, nicht gerührt. Die Fahr im Road-Train

Auf seinen drei Trailern transportiert er riesige Baumaschinen und einen Wohncontainer. Er arbeitet für die Mt. House Station, einer der größten Farmen der Umgebung. Viehzucht ist hier etwas natürlicher. Das Vieh wird in das Outback getrieben. Wenn sie groß genug geworden ist werden die Tiere mit Helikoptern und von Cowboys zusammen getrieben und abtransportiert. Am Mt. House turn off biegt er ab um die 40 km entfernte Station zu erreichen. Wir bleiben hier, nicht jedoch ohne von ihm zu einem kalten Bier aus der Kühlbox eingeladen worden zu sein. Auf unsere bis dahin nüchternen Mägen wirkt diese und eine zweite regelrecht aufgedrängte Dose Victoria-Bitter entsprechend. Wenig später biegt ein Pick-Up Richtung Mt. House ab. Der Fahrer fragt uns, ob er uns zwei warme Bier anbieten kann. Nachdem er fast beleidigt reagiert, als wir verneinen, nehmen wir doch an. Er überreicht uns strahlend Tasmanisches Falschenbier. Wir trinken und verschwindend dementsprechend red- und rührselig in den Moskitonetzen.

 

 
Tag 3, 06. September 2006 : Böses Erwachen

Wir kommen zu langsam voran. Heute ist der dritte Tag, an dem wir versuchen den Kalumburu-Turn-Off zu erreichen. Markus hat einen sehr engen Zeitrahmen. Eigentlich sind die 4 Wochen Urlaub, die er hat, zu wenig Zeit für eine Expedition. Die Akklimatisierung stimmt noch nicht, nicht einmal den Jetlag hat er ausgeschlafen. Ich liege hier im Zelt und warte auf das Inferno. 

Es ist schwierig das Inferno jemanden zu beschreiben, der es noch nie erlebt hat. Ich unterscheide hier im Busch zwischen zwei Infernos: das Inferno der Buschfeuer und das der Vögel. Nun ist die Stunde vor dem besagten Inferno. Es ist die einzige Stunde des

Tages, während der absolute Stille herrscht. Es ist halb Fünf. Hier im Busch stehe ich meist um diese Uhrzeit auf, koche Wasser für Kaffee oder lausche, wie ich es gerade mache. Noch ist es dunkel. Bald wird es aber Licht geben. Eine Idee von Licht. Die Dunkelheit des östlichen Horizontes wird in ein kalt-bläuliches und später blaurötliches Flammen aufgehen. Sobald die Farbtemperatur vom bläulichen in das rötliche übergeht beginnt es, das Inferno. Ein Vogel, ich weiß nicht welcher er ist, er hört sich jedoch an wie eine Nachtigal, beginnt zu singen. Zuerst Zaghaft, später etwas kräftiger spielt er die Melodie – immer die gleiche. An jedem Morgen, überall im Outback. Nach einer Viertelstunde, wenn sich meine Nachtigal ein wenig eingespielt hat, stimmt der nächste Vogel ein, und der nächste – und noch einer, bis die Luft von Vogelstimmen schwanger ist, dass sie zu bersten scheint. Ganz zuletzt stimmen die krächzenden Kakadoos ein, die an den Wasserstellen dem Inferno ein ohrenbetäubendes Crescendo und abbrechendes Ende geben. Diese Stimmung nenne ich Inferno. Und ich bin der Überzeugung, dass es der Energie eines Buschfeuer-Infernos entspricht oder diese sogar übersteigt.


Bild:Eine der Scheuerstellen, die den planmäßigen Tourenbeginn unmöglich machen

Nach dem Aufstehen packen wir unsere Sachen und wollen auf ein weiteres die verbleibende Zeit nutzen, um weiter nach Norden zu kommen, als ich bemerke, dass Markus leicht hinkt. Obwohl wir ausgemacht hatten, dass wir dem anderen jede kleine Verletzung anzeigen, damit diese gegebenenfalls beobachtet, eingeschätzt und behandelt werden kann und die Tageswegstrecke bzw. die Geschwindigkeit angepasst werden kann, frage ich ihn nach seinen Füßen. Er antwortet mir, dass es nur kleine Scheuerstellen seien, die er morgens überklebt hat. Ich bestehe trotzdem darauf die Wunden zu sehen und erschrecke. Von knapp 10 Kilometern, die wir in den letzten 3 Tagen gelaufen sind, wurden seine Füße tief aufgescheuert, was er mit bis jetzt verschwiegen hatte. An seinem Knöchel drückt der Eiter eine Hautfläche von etwa 2 Quadratzentimetern nach oben. Seine Füße sind voller eiternder Löcher.



Bild: Alleine über den Barnett River

Es scheint das Ende der Tour zu sein, wie ich sie mir vorgestellt und geplant hatte. Markus hatte in Deutschland seine offenen Sandalen viel zu wenig eingetragen. Während ich hier im Busch seit in den letzten Wochen schon knapp 300 km gelaufen bin und die anfänglichen Scheuerstellen mit 2 mm dicker Hornhaut ausgetauscht hatte, trug Markus seine Tevas viel zu wenig. Die gesamte körperliche Konstitution war nicht so, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Abbruch! Wir hatten keine andere Chance, als den Abbruch der noch nicht einmal begonnenen Tour zu diskutieren. Ich bin wütend. Seit zwei Jahren bereite ich diese Tour vor und die Unachtsamkeit in diesem kleinen Bereich würde alles zunichte machen. Zwei Stunden später haben wir jedoch immer noch vor, weiter nach Norden zu trampen. Wir haben ausgemacht, dass er etwa 100 Kilometer vor dem ursprünglichen Startpunkt – am Mt. Barnet auf mich wartet. Ich werde die erste Etappe – die Distanz von Kalumburu-Turnoff nach Mt. Barnett alleine zurücklegen. In diesen drei Tagen muss er unbedingt er seine Beine Pflegen, um die hier draußen durch staub und Fliegen so häufigen, starken Wundinfektionen zu verhindern. Außerdem muss er noch etwas an Körpergewicht abnehmen, sich akklimatisieren und den Jetlag vollends bewältigen.

Mittags hält endlich ein Pickup- ein Missionar, der uns bis zur Aboriginal Comunity und Roadhoues Mt. Barnett bringt. Hier wird Markus drei Tage warten. Ich überquere alleine und ziemlich unsicher den Barnett River, um die Tour alleine zu beginnen. Nach einigen Kilometern hält hinter mir ein Geländewagen. Es ist der Canadier mit derAustralierin, die es erst jetzt geschafft haben Mt-Barnett zu erreichen. Wir laden wieder – diesmal eine Sulky – und wir fahren Richtung Norden.
Ob die geplante Tour stattfindet, werden die nächsten Tage zeigen.

 

 
Tag 4, 07. September 2006 : Das kalkulierte Restrisiko

Gestern Abend erreichte ich endlich den Startpunkt meiner Strecke. Ich habe heute mehr denn je vor mit Markus diese verdammte Strecke zu Ende zu bringen. Wir haben es zusammen begonnen, wir haben es gemeinsam geträumt und wir haben beide zusammen dafür gekämpft. Wir werden es auch zusammen schaffen! Die nächsten Tage werde ich alleine unterwegs sein.

Mein nächstes Lager liegt fast 40 km Südlich von hier. Ich will morgen zum Barnett-River-Gorge kommen. Übermorgen werde ich Markus wieder sehen und ihm meinen Entschluss sagen. Endlich voran zu kommen, endlich den Weg zu bewältigen, es ist ein erhebendes Gefühl.

Gestern Abend fand ich ein winzig kleines Wasserloch, an dem ich mein Lager aufschlug. Ich entdeckte es erst, als ich eine kleine Rinderherde aufgescheucht hatte. Abends, das wurde mir häufig gesagt, müssen Rinder immer Wasserstellen finden. „Wenn das Wasser knapp wird, suche dir ein Rind und folge ihm“ sagte mir einmal ein  Aboriginee in Derby. Das Wasserloch war kaum größer als eine Duschbadewanne und war dunkelgrün. Ich filterte mit 2 Liter für die Nacht. Diese hatte eine weitere Überraschung für mich. Nach dem mein kleines Moskitozelt durch böige Winde fast fort geblasen wurde, wurde der Sturm immer stärker. Ich öffnete das Zelt und beschwerte es um hinausgehen zu können. Ich übernachtete in einem Flussbett und über mit wankten die ausgedörrten und toten Bäume. Interessanter Weise werden diese weißen großen Eukalyptusbäume von den Australiern Ghost-Gums genannt. Geistereukalyptus. Groß und bedrohlich schwankend streckten diese Geister ihre laubfreien Äste in den Himmel. Ich war etwas ruhiger, als ich außerhalb der Reichweite ihrer potentiellen Fallstrecke war und schlüpfte wieder in den Daunenschlafsack. Trotz des immer stärker werdenden Sturmes schlief ich wieder ein. Etwas geschützter vom Wind.
Nach einiger Zeit dämmerte ich aus meinem Schlaf in das Wach sein, genau so, wie man normaler Weise vom wach sein in den Schlaf hinwegdämmert, nur eben anders herum. Ich fühlte auf meinem Körper viele kleine Nadelstiche, nicht spitz, vielmehr wie tausend kalte Küsse. Mein freier Oberkörper  und meine Arme nahmen dieses Gefühl erst taub wahr. Mit einem Schlag war ich wach. Es regnete! Hier in der Steppe, mitten während der Trockenzeit, in der Erwärmungsphase regnete es. Doch genauso schnell wie ich aufgeschreckt war beruhigte ich mich wieder. Es waren nur feinste Nebeltröpfchen. Trotzdem echter Niederschlag. Ich schlief wieder ein.

Jetzt ist es Mittag und ich kann kaum mehr laufen. Meine gesamte Hornhaut ist so ausgetrocknet, dass sie aufplatzt. Die Hitze ist unbeschreiblich. Wir haben gerade 38 Grad. In wenigen Wochen, noch vor Ende unserer Tour werden es knapp 10 Grad mehr sein. Ich zweifle, verzweifle mittlerweile.
Ganz früh am morgen ist es anders, noch vor Sonnenaufgang ist es wunderschön zu laufen. In den Höhepunkt des Infernos hineinzulaufen - wunderschön. Es ist als ob ich mein gesamtes Leben nur für diesen Moment gelebt habe.  Der Wind kommt von hinten und kühlt, schiebt damit ich vorankomme. Mein Tacho an der Sulky zeigt 7,5 km als Durchschnitt. Ich gehe, laufe nicht – ich renne. Die Endorphine helfen. Jeder bezwungene Hügel wird mit einem Schrei verlassen. Mit einem Schrei der Übermut. Die Oberschenkel brennen. Die Hitze wird größer. Das Hemd ist durch schwitzt. Hunderte der – ich nenn sie „meine Freunde“ – Buschfliegen kommen und setzen sich auf meiner Schulter, meinem Hut und auf der Sulky ab. Die Hitze wird größer. In drei Stunden trinke ich genau 1,5 Liter. Ich habe diese Menge genau berechnet und mich durch akklimatisieren und Training angepasst.
Nacht 27 km ist ein Tiefpunkt erreicht. Ich kann, will nicht mehr. Eigentlich ist Pause eingeplant. Ich will aber voran. Ich will keine Pause. Ich versuche mich zur Ruhe und Besonnenheit zu zwingen. Nach 5 Minuten steh ich auf. Das Sitzen im Schatten ist anstrengender als das laufen.
Nun schreie ich auf den Hügeln nicht mehr aus Übermut, sondern aus Schmerzen, aus Wut. Und plötzlich geht es wieder besser. Die Hitze wird größer. Nun sind es fast 40 Grad. Es ist kurz vor drei. Gleich wird es kühler. Der Wind frischt auf.

Was ich hier mache kann mich jeden Moment das  Leben kosten. Ich merke, dass mein Kreislauf auf einem Niveau arbeitet, das nicht gesund ist. Jedes mal wenn ich aufstehe wird mir schwummrig, die Benommenheit hält dann etwa eine halbe Stunde. Falls ich hier umfalle, wenn mein Kreislauf streikt, ist niemand hier, der mir helfen kann. Die nächste Comunity ist bei Mt. Barnett, noch etwa 85 km von hier; der nächste Arzt wahrscheinlich etwa 300 km. Mir sind heute genau 5 Autos begegnet. Darunter auch der nette Kerl vom Gibb-River-Bus-Service. Mein Vater sagt mir immer, dass ich jedes Risiko damit abwägen muss, dass mein Tot mein gesamtes Leben als ungelöste Gleichung, als nicht vervollständigte Geschichte Endet. Schule, die quälend lange Schule, das Abi, mein Studium, alles hat verliert seinen Wert, war umsonst, wenn ich sterbe. Was ich hier mache, ist es noch kalkulierbares Risiko? Nein. Ich weiß, dass es unkalkulierbar ist. Es ist der Spaziergang am Krater eines Vulkans. stürze ich ab ist alles zu spät. Es bedeutet für mich: Wahrnehmung schärfen! Instinkte unterdrücken und trotzdem ihnen folge leisten. Es bedeutet überleben, damit ich zu meinem Studium, zu meinem zu Hause, zu meiner Partnerin zurückkehren kann. Nein, ich will, ich werde keine Statistik sein. Weder ich noch Markus werden eine Zahl in dieser gottverdammten Statistik sein. Wir werden überleben. Wir werden die Straße bezwingen.

Als ich am Abend verschwitzt und kaum mehr aufrecht laufend das Lager errichte und in den Schlafsack schlüpfe, bin ich 34 Kilometer vorangekommen. Ich gehe ohne den Tag über etwas gegessen zu haben schlafen.

 

 
Tag 5, 08. September 2006 : Das kleine Paradies

Schon wieder Vollmond.
Ich schrecke immer wieder auf. Mit diesem bleichen Monster kommen die Albträume. Wieder und wieder. Ich liege hier alleine in meinem Zelt, irgendwie einsam. Gerade bin ich aufgeschreckt. Ich habe die letzten Stunden wieder und wieder im Traum bizarren Exekutionen beigewohnt.

Menschen die ich irgendwoher zu kennen schien wurden auf einem Schafott regelrecht zerschmettert. Und das alles in eine optischen Stil von WOW, obwohl ich es nie gespielt habe. Ich wache auf und schlafe wieder ein. Im nächsten Moment werde ich von einer Gruppe Halbstarken verprügelt. Ich kann mich nicht wehren. Ich schrecke wieder auf. Ich fühle mich so zermalmt, so verprügelt wie in meinen Träumen. Es ist 4 Uhr. Aufstehen. Einpacken. Die Akkus der Kopflampe sind schon fast einen Monat in Gebrauch, sie sind fast leer. Ich packe die Sulky im fahlen Mondlicht und lege die Batterien in den Solarlader. Ich laufe los. Es ist halb Fünf.
Ich durchquere den Morgen, das Inferno und den Sonnenaufgang im Laufschritt. Vor Mittag habe ich 60 Kilometer auf dem Tacho. Halbzeit ist vorüber. Ich bin schon fast 7 Stunden gelaufen. Ich mache Rast an einem Wasserloch. Es stinkt übel, aber es ist die einzige Wasserstelle auf der Strecke. Ich filtere mir 2 Liter. Nach der Hälfte muss ich den Filter reinigen. Das Wasser schmeckt faulig. In knapp 20 Kilometern werde ich den Barnett River Gorge erreichen. Nach meinem GPS ist dort genügend Wasser um Fische zu fangen. Vielleicht ist genügend Wasser zum schwimmen vorhanden. Ich habe ein Ziel, das ich heute Abend erreichen will. Mittags versuche ich wieder Pause zu machen. Nach einer halben Stunde breche ich wieder auf. Meine Oberschenkel schmerzen immer mehr.


Bild: Die Strecke zum Wasser wird immer schwieriger.

Drei Uhr. Der erste Blackout. Ich merke, dass ich an Substanz abbaue. Ich hoffe, dass ich heute Abend etwas zum Essen finde. Ich mache eine weitere halbe Stunde Pause. Ich koche eine halbe Tasse Reis. Nach der Pause wird das Vorankommen zur Qual. Ich benötige fast eine Stunde um meinen Schritt wieder zu finden. Mein Hemd sollte heute abends unbedingt gewaschen werden. Es ist dunkelrot vor Staub und trotzdem glänzend weiß durch das eingetrocknete Salz. Als ich aus dem Tragegeschirr das Salz kratze, kann ich fast einen Teelöffel sammeln.


BIld: Erstes Lager am Wasser.
Ich komme an die Abzweigung des Barnett River Gorges. Noch 4 Kilometer. Noch eine Dreiviertel Stunde. Das Gelände wird immer schwieriger. Auf der Karte ist dieser Track in der höchsten Schwierigkeitsstufe eingezeichnet. Besonders diese Sandpassagen erschweren das Vorankommen. Die Sulky stürzt auf den letzten Metern zum Wasser um. Es ist mir Egal. Ich löse den Gurt und zerre den Wasserfilter aus dem Rucksack. Ein kleines Paradies. Es ist wunderschön. Vorsichtig laufe ich die rutschigen Steine zum Wasser herunter. Es dämmert schon, als ich mich endlich in den Fluss legen kann. Ich zittere, das Wasser hat keine 25 Grad. Bis zur Dämmerung sitze ich am Ufer und pumpe mir das kalte Wasser in den Mund. In den Pausen, während ich nicht trinke, fange ich kleine Fische. Sie sind kaum handbreit. Trotzdem freue ich mich auf das Essen. Noch während dem Angeln filetiere ich den Größten und esse ihn roh. Ich werde von den March-Flies gequält. Das sind große Bremsen, die sich unauffällig zu den hunderten Fliegen gesellen. Ich bemerke sie erst, wenn sie zugebissen haben und ihre Mundwerkzeuge durch die Haut gebohrt haben. Sie stechen nicht wie Stechmücken, sondern zerschneiden die Haut. Ein starker Schmerz durchschlägt mich regelmäßig. Glücklicherweise sind die Fliegen nicht besonders schnell. Einen kleinen Sieg gibt es für mich, wenn ich die ein oder andere erlege.


Bild: Nicht wirklich viel, aber genügend.

Abends grille ich die Fische brauche knapp eine Stunde um sie zu essen. Um einige Mineralien und Fett aufzunehmen esse ich sie mit Gräten und Kopf. So manche Gräte bohrt sich am Zahnhals entlang in das Zahnfleisch. Nach weniger als 100 Gramm Fischlein bin ich satt und lege mich hin. Ich friere, obwohl es noch etwa 30 Grad warm ist. Im Schlafsack knabbere ich noch einige Boab-Nüsse, die ich am Fluss gefunden hatte. Morgen Abend werde ich am Mt. Branett ankommen.

 

 
Tag 6, 09. September 2006 : Die Hyäne

Es ist gerade 3:30. Eine üble Nacht. Viel Rückenschmerzen, immer noch ein fast voller Mond. Aufplatzende Lippen. Was ich gestern gemacht habe war noch eine Runde zu  heftig für mich. Ich merke, dass ich am Abend zu wenig getrunken habe. Ich habe heute Nacht einen 4 Liter Wassersack leer getrunken. Und ich habe immer noch Durst.

Mein Mund ist trocken. Ich schmecke das Blut der Unterlippe. Vor einer Stunde bin ich noch einmal raus gegangen um Wasser zu filtern. Meine Augen stellen nicht mehr scharf und ich kann nicht mehr genau lesen, was ich geschrieben habe. Vielleicht habe ich mir doch etwas eingefangen. Hoffentlich kein Ross-River-Virus. Es ist zwar ziemlich selten, aber ich habe einige Moskito-Stiche abbekommen. Wenn es morgen nicht besser wird, werde ich einen Tag Pause machen müssen um eine genaue Diagnose stellen zu können. Ich versuche jetzt noch eine Stunde zu schlafen.


Bild: Nicht jeder hat so viel Erfolg wie wir.

Ich bin wieder am laufen. Mein Körper spielt sich langsam aber sicher wieder auf den langen Trott ein. Heute werde ich Markus am Mt. Barnett treffen. Ich habe wieder ein Ziel. Es müssen noch knapp 15 Kilometer sein. Danach werden wir zusammen bis Galvans Gorge laufen. Heute Morgen habe ich noch vor Sonnenaufgang alle Karten mit den Koordinaten der einprogrammierten Wegpunkte versehen. 110  Mal die Koordinaten auf den Karten finden.  Eintragen, Kringel ziehen. Ich messe die Strecken ab. Ich rechne die mutmaßlichen Nachtlager aus. Maximal 30 Kilometer Tagesstrecke.
Als ich heute Morgen losgelaufen bin, stellte sich nach kurzer Zeit wieder ein leichter Dämmerzustand ein. Das monotone Laufen, das Schnurren der Sulky. Gedanken im  Schädel, die sich nicht übergehen lassen. Immer wieder die leichten Schwindelanfälle. Ich meine auch leicht erhöhte Körpertemperatur zu haben. Nach dem ich die Barnett-Ranges erreicht habe, wird auch die Landschaft monoton. Bis zu dieser Bergkette von etwa 200 Meter hohen, steil emporsteigenden Klippen liegt trockenes Land. Das ausgedörrte, goldgelbe Gras ist übermannshoch. Ich reise hin und wieder einen Halm ab, um ihn zu schälen und ihn danach wie einen Speer weg zu schleudern. Wie häufig wird in den letzten 20 000 Jahren hier ein junger, dem Abenteuer entgegengezogener Mann einen Speer geworfen haben. Die raue und unwirtliche Landschaft des Napier Peninsula, der Landzunge westlich von hier, sowie dieser Teil des Busches wurde erst vor knapp hundert Jahren vom weißen Mann erobert. Viele Expeditionen wurden nach ungeklärten Todesfällen aufgegeben, oder weil der Treck im Metertiefen Schlick stecken geblieben war oder dem fehlenden Wasser erlegen ist. Bis vor diesen hundert Jahren waren die Aboriginees, hier waren es wahrscheinlich Bardis, die absolute Herrschaft. Das Land war ihre Heimat. Sie alleine konnten hier überleben, lange bevor sie einer hauptsächlich christlichen Okkupation entgegensahen. Später kamen Missionare und löschten systematisch die Kultur. Die Kinder wurden weggenommen, die eigene Sprache  verboten und unter Prügelstrafe gestellt. Die Kultur, die Identität und die Fähigkeit autark zu leben geraubt. Diese einzigartige Kultur, die damals junge Männer hervorbrachte, die aufgebrochen auf die Suche nach Nahrung und Abenteuer ihre Speere schleuderten. Sehr lange, bevor ich meine Grashalme verschicke.


Bild: Galvans Gorge - ein wieteres Paradies.

Die Umgebung ändert sich. Es wird bergiger und die Termitenhügel stehen dicht gedrängt im Buschland. Während ich laufe achte ich dauernd auf den Boden, um nicht versehentlich auf eine Schlange zu treten. Hin und wieder hebe ich den Blick, um die nähere Umgebung zu betrachten. Ich sehe, wie Kängurus mit riesigen Sprüngen fliehen. Die schwarzen Kakadoos fliegen in großer Höhe über mich  weg. Sie fliegen sowieso höher als alle anderen Kakadoos, ob es rosa, weisse oder gelbe sind. Ich betrachte das immer wiederkehrende Bild des Buschgrases und der Termitenhügel. In eines dieser fast schläfrigen Momente blicke ich in ein Gesicht. In etwa zehn Metern Entfernung starrt mich mit einem dämonisch verzerrten Grinsen eine schwarz gezeichnete Fratze an. Es ist eines der Bilder, die jeder von uns schon in Tierfilmen über die afrikanische Savanne gesehen hat. Eine bucklige, riesengroße Hyäne. Meine erste Reaktion ist ein erschrockenes Zusammenzucken, ein im selben Moment -aufgrund des logischen Fehlers meiner Wahrnehmung- fast schmerzhaftes Abwenden, zur einen Hälfte ungläubig, zur anderen Hälfte euphorisch ob meiner Entdeckung starre ich zum Boden. Diese Reaktion, alle diese Gefühle erreichten mich im Moment der Wahrnahme. Noch während ich – nur Sekundenbruchteile später – meinen Blick wieder erhebe durchzuckt es mich. „Es muss ein Beutelwolf sein!“ Eines dieser Anfang des Jahrhunderts ausgestorbenen Raubtiere, das auch unter dem Namen „Tasmanischer Tieger“ bekannt war. In einem Buch über Kryptozoologie hatte ich gelesen, dass er in den Kimberleys in den letzten Jahren gesichtet worden sein soll. Dieser Gedanke wird in der nächsten Wahrnehmung meiner tasmanischen Hyäne vernichtet: Dort wo ich das nicht hier-sein-dürfende Tier gesehen oder zu sehen geglaubt hatte, steht kahl und groß ein ockerfarbender Termitenhaufen.



Bild: Nahrungsvorräte für die nächsten Tage werden angelegt.

Noch vor Nachmittag treffe ich auf Markus, der mittlerweile besser auf das Laufen vorbereitet ist und wir legen gemeinsam die nächsten 15 Kilometer zu Galvans Gorge zurück. Hier stürzt ein Wasserfall 15 Meter steile Felswände herunter in einen felsigen See. Wir fangen gut drei Duzend Fische, eine Schildkröte und einen Wasserwaran. Während wir die Schildkröte und den Waran abends zubereiten und essen, trocknen und räuchern wir die Fische, um Nahrungsvorrat für die nächsten Tage zu haben. Morgen früh steht uns der Aufstieg auf die Philips-Ranges bevor. Es ist die erste größere Bergpartie, vor der wir großen Respekt haben. Wir essen uns satt und gehen mit dem Sonnenuntergang schlafen. Die nächsten Tage in den Bergen werden ziemlich anstrengend sein.

 

 
Tag 7, 10. September 2006 : Cane Toads und Leeuwin

Wir liegen gegenüber des Galvans Gorge auf einer Fläche, auf der Kies zur Wiederherstellung der Strecke nach der Wt Season gelagert wird. Ich friere jämmerlich. Die Temperatur von 15° wird durch den Wind noch weiter heruntergechillt. Mein Schlafsack reicht zwar für bis 10 Grad aus, er ist aber so leicht gebaut, dass der Wind durchfegen kann.

Bei Windstille muss ich den Schlafsack öffnen. Jetzt bin ich aber durch Kälte wieder so früh aufgewacht, dass ich in den Ranges wohl das Tarp über das Moskitonetz legen werde. Ich merke, dass das Kälteempfinden durch den körperlichen Abbau noch stärker empfunden wird.

Bis ich an diesem Tag endlich aufstehen kann dauert es eine halbe Stunde. Ich habe taube Finger und zittere. In 500 Metern beginnt der Anstieg zum Phillips-Plateau. Die erste Steigung erwartet uns bald. Hoffentlich schaffen wir die Phillips-Ranges und die darauf folgenden, noch anspruchsvolleren King-Leopold Ranges noch bevor ich die letzte Energie aufgebraucht habe. Markus wird von der Statur bis zum Ende unserer Tour Reserven besitzen. Nach dem ich aber schon fast einen Monat hier in Australien bin, und viel gelaufen und wenig gegessen habe, spüre ich jeden Knochen durch die Haut. Es dauert immer länger, bis ich den morgendlichen Schwindel überwinde.

Einige Stunden später sind wir tief im Gespräch vertieft mitten in den Phillips Ranges. Der erste Aufstieg war nach knapp einer Stunde vollbracht. Hier oben quälen wir uns in Kurven durch den angewehten feinen Sand, in dem die Räder unserer Wägen versinken. Andere sehr Bereiche, vor allem steile Abfahrten sind in gutem Zustand. Nach einer Abfahrt ist jedoch auch immer ein Anstieg. Immer wieder. Um 1 Uhr Nachmittag wird die Hitze zu groß und wir machen eine Pause


Bild: Neben dem Dezent angeordneten Sponsorbanner unseres Angelmaterialsponsors (fishingtackle24.de) lagern wir die getrockneten Fische.

Kein Schatten. Nirgends Schatten. Jeder europäisch aufgewachsene Mensch assoziiert mit viel Sonne auch etwas Schatten. Hier verschwindet der letzte Rest Schatten am Mittag. Sobald die Sonne um 12 Uhr den höchsten Stand erreicht lösen sich die letzten Quadratzentimeter Schatten auf. Es besteht kaum die Möglichkeit zur Erholung. Wir bauen aus Felsen einen Räucherofen und wechseln uns im halbstündigen Rhythmus ab die Fische zu betreuen. Ich sitzte eine halbe Stunde in der Sonne, bedeckt von Fliegen und blase einen Faustdicken Ast an, bis er stark qualmt und richte ihn unter die Fische. Sobald eine Flamme entsteht muss der Ast noch in dieser Sekunde aus dem Räucherofen gezogen werden, ausgeschlagen und wieder unter die Fische geschoben werde. Markus baut währenddessen sein Mossidome auf. Es schattiert leicht. Nach einer halben Stunde wechseln wir ab. Ich lege mich in den Schatten und Markus versorgt die Fische. Wir haben Sie ab nun immer außen an der Sulky angebracht, wo sie noch vollständig durchtrocknen können.

Um drei lösen wir uns aus unserer Mittags-Starre und laufen weiter. Um das Tagesziehl zu erreichen müssen wir insgesamt 25 bis 28 km gelaufen sein. Selbst in ebener Umgebung eine gute Tagesstrecke. Hier in der Hitze, die es nicht erlaubt, in der Mittagszeit voranzukommen, ist es eine gute Leistung.


Bild: Aufstieg auf die Phillips-Ranges. Im Hintergrund brennen die Kimberleys.

Nach der nächsten Steigung haben wir ein kleines Plateau erreicht. Wir haben 4 oder 5 Kilometer ohne Abstieg. Wieder tief in ein Gespräch versunken sehen wir wie ein hoch motorisierter Geländewagen mit geländegängigem Expeditionswohnanhänger anhält. Ein erstaunlich rüstiger Mann von etwa 65 steigt aus. Wir unterhalten uns mit ihm und er ist fasziniert von unserer Konstruktion der Sulky. Markus und ich, zwei abgerissene, dreckige Männlein scheinen ihm sehr sympathisch zu sein. Er ist gerade auf dem Weg zu einem „Aga-Kröten-Camp“. Die Cane Toad ist eine monströse, mehrere Kilogramm schwere, unglaublich hässliche Kröte. Sie ist eines der traurigen Beispiele Australischer Versuche mit dem Land in Einklang zu kommen. Im Zuge der starken agrarindustriellen Revolution in Australien in den Dreissigern wurde vermehrt Zuckerrohr angebaut. Große Flächen wurden erstmals durch eine monokulturelle Zucht bedeckt. Es dauerte nicht lange, bis das fragile und angreifbare System von einem Eindringling gestört wurde. Der Zuckerrohrkäfer verbreitete sich flächendeckend und in riesigen Populationen. Der kleine gelbe Käfer, der einem Kartoffelkäfer ähnelt, zerfraß riesige Mengen der Blätter des Zuckerrohrs. Die Pflanze produzierte –unfähig Photosynthese zu betreiben- keinen –Zucker mehr und das Zuckerrohr war unbrauchbar; starb ab. Wenige Jahre beobachteten di Bauern diese Plage, bis sie unter großen Protesten die aus Hawaii eingeführte Aga-Kröte aussetzten. Sie versprachen sich von diesem Tier eine Dezimierung des Zuckerrohrkäfers. Leider weigerte sich die Kröte die Käfer zu jagen – sie fraß alles was in ihr Maul passte. Und in das Maul passen Tiere von der Größe einer kleinen Katze. Während die Zuckerrohrkäfer von der Kröte unbehelligt blieben wurde die gesamte australische Fauna nachhaltig zerstört. Als ob das nicht schlimm genug wäre, die Kröte kann ein hochpotentes Gift aus Ohrendrüsen sekregieren, das jene Tiere sofort tötet, die wiederum die Agakröte fressen. Alles was von der Kröte gefressen werden kann verschwindet in ihrem Schlund -  was groß genug ist um Kröten zu jagen wird durch ihr Gift getötet. Eine typische australische Neozoongeschichte.


Bild: Unser Räucherofen mit der Nahurng der nächsten Tage

Auf  Aga-Kröten-Camps treffen sich Freiwillige und jagen diese Kröte. So auch dieser ältere Herr. Nachdem ich sagte, dass ich Biologie studiere, war er hellauf begeistert, er selbst ist promovierter Naturforscher. Nebenbei fragte er uns, ob wir gerne segelten. Nachdem wir bejahten, sagte er fast nebenbei, dass ihm das größte Segelschiff der australischen Westküste gehöre – ein riesiger Dreimaster, die weltberühmte Leeuwin.Es liegt zurzeit in Perth vor Anker. Er lud uns ein einen kleinen Turn zu unternehmen. Da Markus nicht via Perth abreist, überlege ich mir, ob ich zusammen mit Micha nach unserer Rückkehr in die Zivilisation eine kleine Seefahrt unternehme. Der Zufall ist geradezu unwirklich, wir treffen einen Multimillionären mitten auf der Gibb, mit dem wir uns gut verstehen. Zum Abschied sagt er, dass er uns sofort die Sulkys abkaufen würde, bräuchten wir sie nicht gerade.

Nach 32 Kilometern waren wir an jener Stelle, die ich mir als Nachtlager ausgewählt hatte. Den Karten Nach sollte hier ein großer Fluss sein. Leider war hier nichts. Also liefen wir über eine Stunde lang weiter, und erreichten nach weiteren 6 das Nachtlager. Wir essen je einen der leckeren Trockenräucherfische zu Abend.

 

 
Tag 8, 11. September 2006 : Wieder Routine und Müdigkeit

Nachdem wir gestern Abend wenig Glück mit sauberem Wasser hatten, sind wir heute Morgen auf der Suche nach Wasser. Unseren Karten zu Folge ist die Distanz von hier zum nächsten Bore – dem Lukins Bore – etwa 8 Kilometer. Nach wenigen Kilometern kommt uns ein Geländewagen entgegen. Er bremst ab und eine Frau mittleren Alters gibt eine Nachricht von Micha durch.

Die Frau kommt vom Imitji Roadhouse, der nächsten Aboriginal-Community. Micha hat dort angerufen um uns eine Nachricht zu übermitteln. Die Frau hat keine genauen Informationen. Irgendetwas sagt sie, dass wir uns verpasst hätten, und sie nicht an unserem voraussichtlichen Treffpunkt sein wird. Irgendetwas sei nicht nach Plan verlaufen. Ich muss mich gedulden. Frühestens Morgen bei Imitji kann ich neue Informationen erwarten. Wir werden Imitji morgen erreichen. Ich mache mir große Sorgen, aber ich halte sie zurück.


Bild: Das tägliche Auf und ab. Der letzte Aufstieg (vor dem nächsten)

Als wir das Lukins-Bore erreichen, sind wir schon wieder vollständig verschwitzt. Die Windräder des Wasserpumpturmes drehen sich. Frisches klares Wasser tropft in einen großen Tank. Wir stürmen zum Wasser und stören uns nicht an der Rinderherde, die uns misstrauisch beäugt. Wir sind hier etwa 500 Metern von der Stelle entfernt, an der wir uns letzte Woche dem unerwarteten Biersegen erfreuen durften. Das Wasser ist herrlich. Wir sind kurz davor in den etwa 2 Meter hohen und 10 Meter breiten Wassertank zu springen, lassen es aber doch bleiben, damit wir das Wasser nicht mit der Sonnencreme unserer Haut verschmutzen. Obwohl das Wasser klar ist, filtern wir es. Die nächsten Tage werden wir in den King Leopold Ranges verbringen.


Bild: Bore, Bohrlöcher sind ein Geschenk, besonders in den trockenen Senken.

Kurze Zeit später verlassen wir die Phillips Ranges und kommen den bedrohlich aufsteigenden Klippen der nächsten Bergkette immer näher. Die Imitji Community liegt in einem Tal, das zwischen den Flanken der Saddlers-Ranges und der Phillips Ranges in das Massiv der King-Leopold Ranges eingeht. In weiter Entfernung lässt sich die Spitze des Mt-Bell erahnen. Dort müssen wir hin. Es ist noch ein sehr weiter Weg.

Vor dem Mittag finden wir ein Gewässer mit Fischen und wir fangen etwa 15 und essen Sie in der Mittagspause, teils als Sushi, den Rest geröstet.

Die Routine hat uns wieder gefangen. Schweigend laufen wir nebeneinander und denken nach. Zeitweise haben wir Mitwind. Meistens kommt der Wind aber frontal gegen uns. Heute Abend wollen wir die Pandanus-Well erreichen. Die Pandanusquellen. Obwohl wir noch nicht in den Leopold-Ranges sind und schon auch nicht mehr in den Philips-Ranges, ist es hügelig.


Bild: Morgens nach Sonnenaufgang. Leider kein Morgennebel, sondern Staub.


Wir durchqueren den Bell-Creek und werden wieder von den March-Flys gepiesackt, während wir uns mit Kleidern in das Wasser schmeissen.
Ich bin müde und überglücklich, als wir endlich die Pandanusquellen erreichen.
Wir legen uns wieder in den Fluss und pumpen uns das Wasser durch den Filter in den Mund
Das Gewässer ist leider tot, ich sehe einen Waran im Gebüsch verschwinden. Sonst gibt es hier nichts zu essen.

Morgen werden wir Imitji erreichen. Ich bin kaputt und merke, wie ich zu müde bin weiter nachzudenken. Übermorgen sind wir schon wieder in den Leopold Ranges.

 

 
Tag 9, 12. September 2006 : Mt Bell und (k)eine Isomatte

Probleme. Wir sitzen hier am Roadhouse der Imitji Comunity und haben keine Vorräte mehr. Und das direkt vor den King-Leopold Ranges. Was war passiert?

Nachdem wir heute sehr spät das Lager zusammengeräumt haben, es mag schon fast 8 gewesen sein und die Hitze kündigte sich mit rund 25 Grad an, hatten wir Probleme in den gleichmäßigen Schritt zu finden.

Die Strecke hier war seit drei Tagen endlich wieder eben und uns fehlte der gleichmäßige Gegenzug der Sulkys. Die Straße war hier an einigen Stellen durch trockene Furten unterbrochen. Mein Schienbein schmerzte und ich hatte Probleme mit dem Abrollen. Ich nahm mir vor, für die kommende Bergstrecke feste Schuhe zu tragen. Nach über eineinhalb Stunden, die Umrisse Imitjis müssen schon erahnbar gewesen sein, fragte mich Markus: „Schau mal hinten nach der Rolle, ich sehe sie nicht.“ Ich wunderte mich, welche Rolle er meinte, denn ich sah nichts, was seiner Beschreibung entsprechen konnte.

Nach weiterem Nachfragen erklärte er mir, dass er unsere getrockneten und geräucherten Fische in einer Reflektorfolie eingepackt und auf seiner Sulky mit einem Gummizug festgeschnallt habe. Ich war niedergeschmettert. Auf der Sulky war: nichts. Statt die auf einer stabilen Nylonschnur aufgefädelten Fische einzuhängen, waren sie nur unter den Gummizug geschnallt worden und sind prompt heruntergerutscht.


Bild: Ungewöhnlich Hügelig für Australien

Die Stimmung sank von einem Tief auf den absoluten Nullpunkt. Unsere Fische, unsere getrockneten, tranigen Fische, sie waren weg. Als Markus seine Sulky begutachtet fällt ihm noch etwas Weiteres auf. Die Isomatte fehlt. Ich wurde einigermaßen wütend. Wenn die Isomatte fehlt, kann er auf dem Boden schlafen, das ist nicht so schlimm, da er einen dicken Schlafsack hat. Aber ohne unsere Fische habe ich kaum eine Möglichkeit die King Leopold Ranges zu bewältigen. Ich merke, wie meine Fettreserven am unteren Minimum angelangt sind. Neben der halben Tasse Reis sind die Fische die einzigen Energiereserven. Schon jetzt streikt mein Kreislauf immer wieder, bis meine Wadenmuskulatur warm ist, dauert es Stunden. Ich beschließe, dass wir zusammen bis zur Community laufen und er alleine zurück läuft, um die Ausrüstungsteile wieder zu holen.

Wir werden mit Sicherheit mehrere Stunden dadurch verlieren. Nachdem er gestern an unserer Mittagsrast sein gesamtes Kartenmaterial in einer Windböe verloren hat, weil es nicht beschwert worden war, war ich unwillig für diesen Fehler zusätzlich zu laufen. An Imitji angekommen treffen wir einen dieser großen Geländebusse. Er gehört einem Reiseveranstalter (der Wochen später Micha und mich zufälligerweise beim Trampen mitnimmt). Während Markus zurückläuft spreche ich mit dem Fahrer des Busses. Die Touristen, die sich mit diesem Vehikel transportieren lassen, fragen mich aus und fotografieren. Genauso wie sie mich ungefragt ablichten, knipsen sie die an der Community sitzenden Aboriginals – als ob es Tiere im Zoo wären.


Bild: Diesmal ist die Isomatte richtig verzurrt.

Der Busfahrer bietet spontan an, mit seinem Bus zurück zu fahren, um das verlorene Material aufzusammeln. Er fährt los, holt Markus ein und fährt ihn zurück. In der Zwischenzeit befrage ich den Besitzer des Imitji-Roadhouses wegen Micha. Er hat keine Informationen. Sie hatte mit seiner Frau telefoniert und die ist in der Stadt – 400 km von hier in Derby. Als der Bus wieder auftaucht, hat Markus die Fische wieder, nicht jedoch die Isomatte. Sie bleibt vorerst verschwunden. Kurz bevor wir aufbrechen, fährt ein Pickup heran und ein schielender Australier mit langem Bart und extrem starkem Dialekt streckt uns freudig strahlend die Isomatte entgegen: „Damit ihr heute Nacht gut schlafen könnt!“ Wir waren wieder vollständig und konnten mit über einer Stunde Verspätung weiterlaufen.

Mittlerweile war es Mittag geworden. Wir konnten uns ob der geringen bewältigten Strecke nicht erlauben zu pausieren. Also liefen wir weiter, immer weiter in die Ranges hinein. Nach einer kurzen Pause an einem Tümpel voller March Flys standen wir vor „the Bench“, die Bank. Um 14 Uhr beginnen wir bei 35° den Aufstieg auf fast 500 Metern. Dieser erfolgt über eine einzig gerade Strecke. Ohne Kurve, die den Anstieg etwas einfacher machen würden. Nach einer dreiviertel Stunde liegt vor uns ein die weite Ebene zwischen den Barnet -Ranges und hier. Wir sind erstaunt, wie weit Füße tragen. Durch ein gewundenes, unwirkliches Tal voller Quellen und Pandanuspalmen kämpfen wir uns jeden Meter an den Mt. Bell heran. Der Berg, der aus der Ferne wie ein riesiger liegender Phallus aussieht, liegt in seiner gesamten Masse vor uns.


Bild: King-Leopold Ranges, so australisch und trotzdem schon fast ein Massiv.

Immer wieder steigen wir um hundert Meter an, um wenige Kilometer später steil abfallende Strecken zu begehen. Abwärts laufen ist anstrengender als das Aufwärtsgehen. Meine Schienbeinmuskeln fühlen sich an, als ob sie platzen, Markus hat Probleme mit den Knien. Mit den letzten Energiereserven erreichen wir eine geeignete Stelle zum Übernachten. Auf dem Weg dorthin finden wir eine überfahrene Taube, deren Organe aus einem Loch an der Wirbelsäule hängen. Kurz vor unserer Ankunft muss Sie Bekanntschaft mit einer Windschutzscheibe gemacht haben. Ein Grund mehr, auf Autos zu achten. Wir häuten den winzigen Vogel und kochen damit eine Kraftbrühe, die uns unerwartet viel Energie gibt. Als es dunkel ist, quietscht ein kleiner Kokaborra auf den Hügeln um dieses Tal. Es schallt und hört sich an, als ob das Tal voll tausenderkleiner sympathisch lachender Vögel ist.

 

 
Tag 10, 13. September 2006 : Zuckerhandgranaten

Diesen Morgen wache ich wieder früh auf. Ich friere und zittere. Da wir in einem engen Tal genächtigt haben, dauert es noch einige Zeit, bis die Sonnenstrahlen über den Mt. Bell kommen. Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon wieder eine halbe Stunde unterwegs.

Die Atmosphäre wird immer bizarrer. Die Mitchell-Palmen, die hier nur etwa 5 Meter hoch werden, duften. Das gesamte Tal duftet schwer süßlich, so süß, dass es schon wieder leicht Aasig riecht. Wenn ich mir eine Farbe für den Duft überlegen müsste, würde ich sie als Tiefgelb und leicht Golden beschreiben. Vielleicht assoziiere ich diese Farbe auch mit dem Duft, da die freien Blüten der Palmen, die in riesigen Perücken unter den Wedeln hängen, die gleiche Farbe haben. Goldgelb. Als wir den Duft und das Tal hinter uns lassen sehen wir die Lücke. Den Serpentinen folgend erreichen wir Inglis Gap, das Tor zur Hölle wie ich sie nannte. Etwas neutraler ist sie das Tor zur bergigsten und schwierigsten Etappe.

In steilen Serpentinen steigen wir innerhalb weniger Kilometer immer wieder an. Hundert Höhenmeter aufwärts, 80 ab. Immer wieder das gleiche Spiel. 100 Meter Anstieg, Pass, Kurve, abstieg. Beim Bergablaufen bekomme ich zwei riesige Blasen, die ich erst merke, als sie meinen Zeh auf doppelte Größe anschwellen lassen. Ich öffne die Blasen während der Mittagspause. Danach schmerzt mein Zeh noch mehr. Aber wir kommen voran. Morgen Abend werden wir vielleicht schon an den Napier Ranges sein. Den Tag darauf sollten wir den Lennard River erreichen. Wir bringen die Leistung auf Kredit. Wir powern uns aus, weil wir wissen, dass wir uns erholen können. Wir werden am Lennard River einige Tage rasten müssen, um den restlichen Teil der Strecke voran zu kommen.


Bild: Unser Versuch um 12 Uhr Mittags Schatten zu finden scheitert kläglich...

Ich bin froh, dass wir die vollen 40 Liter Wasser mitgenommen haben. Die Vorräte schrumpfen trotzdem stündlich. In einigen Kilometern ist auf der Karte ein Fluss eingezeichnet. Wir erreichen ihn. Es ist eine trübe stinkende Brühe. Voller Kuhdung. Trotzdem leben einige Fische darin. Nach einigen gefilterten Litern Wasser laufen wir weiter. Wir wollen am nächsten Fluss übernachten. Dieses Vorhaben wird uns zum Verhängnis. Der Fluss führt nämlich kein Wasser. Wir sind demotiviert und enttäuscht. Dort wo eigentlich Wasser sein sollte, zumindest vielleicht ein kleiner Tümpel oder feuchter Erde – Schlamm, ist nichts. Staub. Erde sonst nichts.


Bild: Die Jagd nach der Boab-Nuss. Die Kerne lutschen hilft gegen Durst.

Wir entschließen noch den nächsten Fluss zu erreichen. Dr Gibb River Bus-Service überholt uns. Er hält. Ein kleiner Mann mit schiefen Zähnen und großer Trucker-Sonnenbrille beugt sich zu seinem Fahrtassistenten herüber und zieht aus einer Kühlbox im Fußraum des Beifahrers zwei eiskalte 0,33 Cola. Wir entscheiden dieses kleine weitere Wunder anzunehmen und nicht abzulehnen. Unser Gibb-River Papa, wie wir ihn ab nun nennen, hält die nächsten Tage immer, während er uns überholt und versorgt uns mit dieser kleinen Zuckerbombe. Die Stelle des nächsten Flusses erreichen wir nicht mehr. Wir schlafen vor einer steilen Abfahrt von etwa 150 Höhenmetern Unterschied.

Ich freue mich auf den Lennard River, auf das unendliche Wasser und auf die Fische. Ich nehme mir vor, mich so voll zu fressen, bis ich nicht mehr kann. Morgen Abend Napier Ranges. Von dort aus noch eine 20 Kilometer-Etappe in der Ebene, Danach erst einmal Erholung. Bitte! Danke. Gute Nacht!

 

 
Tag 11, 14. September 2006 : 90 000 Schritte, 5 Liter

Heute werden wir aus den verschworenen Bergen herauskommen. Uns beiden ist die Schwierigkeit der Etappe anzusehen. Wir beide sind ziemlich fertig. Es sind noch 45 Kilometer bis zum Lennard River. Diese Entfernung. Eigentlich ist die kaum etwas, stellt sie nur etwa ein Zehntel der Gesamtstrecke dar. 45 Kilometer. Das sind eigentlich nur 2 Tage.

45 Kilometer sind 45 mal 10 Minuten, da wir innerhalb von genau Zehn Minuten einen Kilometer vorankommen. Es sind 2000 Schritte in Zehn Minuten, 90 000 Schritte in 45 Kilometern. Und bei jedem Schritt können wir versagen, umknicken, verunfallen. 

Heute, jetzt gerade vor 2 Stunden haben wir die mittlerweile verhassten und geliebten King-Leopold Ranges hinter uns gelassen. Wir sind auf dem Weg zum vorletzten Ziel. Und dass selbst kurz vor dem letzten Ziel vieles Passieren kann, das mir meine 22 Jahre  (Jährchen) Lebenserfahrung in einem Moment der Unachtsamkeit genommen werden könnte, das war uns jetzt noch nicht  klar gewesen. Ich bin froh, dass ich mit einem Freund unterwegs bin, auf den ich mich bis zum Letzten verlassen kann. Für mich ist es ein bisschen Geborgenheit, ein klein wenig Sicherheit, die mir die Kameradschaft zu Markus gibt. Wenn ich mir darin nicht sicher gewesen wäre, hätte ich mich nie  auf die Tour in dieser Weise eingelassen. Aber ich war und ich bin mir sicher mit dem richtigen Reisekameraden unterwegs zu sein. Obwohl wir während der Tour einige Differenzen haben, die nicht nur von unserem Unterschied des Alters, der Erfahrung und der Lebensweise herrühren sondern auch aus dem Umstand, dass wir zusammen in einer Extremsituation unterwegs sind. In einer andauernden. Und genau dieser Umstand verbindet mich in tiefer Kameradschaft mit Markus. Trotz all der Unterschiede, all der Differenzen und Schwierigkeiten schaffen wir beide es Konflikte in einer Weise zu verarbeiten, die den offenen Streit verhindert. Die stoische Ruhe, die wir beide während der Tour zu halten versuchen und es auch schaffen ist eines der grundlegendsten Vorraussetzungen, die die Tour erfordert haben. Eines der besten Komplimente, die ich Markus geben kann ist, dass er mich tatsächlich einen Monat ausgehalten hat. Ich bin ein schwieriger Mensch – glaube ich. Ich könnte mir nicht vorstellen mich als Reisepartner zu haben.


Bild: nicht die einzigen Opfer der Straße.

Seit gestern haben wir kein Wasserloch mehr gesehen. In den Höhenlagen sind die Wasserlöcher vollständig trocken. Kein Tropfen. Nur Fels und Staub. Wie so häufig. Wir freuen uns auf den nächsten eingezeichneten Fluss und hoffen, dass er Wasser führt. In 6 Kilometern, 12 000 Schritten. In einer Stunde Entfernung. Noch 5 Kilometer. Wir quälen in diesen Tagen unsere GPS-Geräte. Kaum vergehen 500 Meter, schon haben wir das Gerät in der Hand und berechnen die Entfernung neu. 3 Kilometer. Die Hitze wird unerträglich. Das Wasser geht langsam aber sicher aus. Wir haben noch 5 Liter. Viel zu wenig um bis zum Lennard-River zu kommen. 5 Liter und noch 30 Kilometer. Unschaffbar. Heute, alleine schon heute werden wir mehr Wasser benötigen. In weiter Entfernung kommen die Napier Ranges in Sicht. Sie sind unendlich weit entfernt. Noch 3 Liter und noch 25  Kilometer. Unschaffbar. Die letzte Chance scheint Umbarella-Creek zu sein. Ein Fluss, der noch vor den Napier-Ranges kommen muss. Aber er kam nicht. Ungläubig starren wir auf die Karte und vergleichen die Koordinaten. Hier müsste er sein. Ein Floodway, eine vertiefung wo Wasser fließen kann ist hier. Kann, jedoch gibt es hier kein Wasser. In einiger Entfernung höre ich Kakadoos krächzen. Ein Zeichen, dass Wasser in der Nähe sein muss. Aber wo? Wir laufen noch 5 Kilometer weiter und geben die Suche nach Wasser auf. Wir haben gerade noch so viel Wasser, dass wir die 4 beiden Wasserflaschen gefüllt bekommen. Für die Nacht – und die nächsten 20 Kilometer in dieser trockenen Hölle. Wir suchen uns eine Stelle, ein Stück eines Floodways, an der wir übernachten können. Wir werden von Bushbees überfallen, als wir anhalten. Sie besitzen zwar keinen Stachel, sind aber penetranter als jede Fliege und kriechen in jede erreichbare und sensible Körperöffnung. Wir verschwinden in den Zelten. In dieser Nacht kämpfe ich wieder mit einen Alptraum nach dem anderen. Ich muss in einen unendlich tiefen Keller gehen um Mineralwasser zu holen. Es ist ein dunkles Treppenhaus mit einer Glasfront, durch deren Butzenglas man die Erde schimmern sieht. Die Stufen werden kleiner. Ich muss mich Ducken um die nächste Kurve im immer enger werdenden Treppenhaus zu einzuschlagen. Die Decke hängt so unendlich tief, dass ich mich bücken muss, um überhaupt voranzukommen. Ich habe durst. Ich habe so unendlich durst und auch Angst. Als ich das nächste Stockwerk hinab kriechen will stockt mir der Atem. Über meinem Gesicht hängen Arme und Beine aus den Stufen, die sich von unten absetzen. Ich glaube sie griffen nach mir. Ich wachte mit Gänsehaut auf. Ich fror und hatte unsäglichen Durst. Ich nahm einen Schluck von dem algig schmeckenden Wasser.

 

 
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