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Tag 6, 09. September 2006 : Die Hyäne

Es ist gerade 3:30. Eine üble Nacht. Viel Rückenschmerzen, immer noch ein fast voller Mond. Aufplatzende Lippen. Was ich gestern gemacht habe war noch eine Runde zu  heftig für mich. Ich merke, dass ich am Abend zu wenig getrunken habe. Ich habe heute Nacht einen 4 Liter Wassersack leer getrunken. Und ich habe immer noch Durst.

Mein Mund ist trocken. Ich schmecke das Blut der Unterlippe. Vor einer Stunde bin ich noch einmal raus gegangen um Wasser zu filtern. Meine Augen stellen nicht mehr scharf und ich kann nicht mehr genau lesen, was ich geschrieben habe. Vielleicht habe ich mir doch etwas eingefangen. Hoffentlich kein Ross-River-Virus. Es ist zwar ziemlich selten, aber ich habe einige Moskito-Stiche abbekommen. Wenn es morgen nicht besser wird, werde ich einen Tag Pause machen müssen um eine genaue Diagnose stellen zu können. Ich versuche jetzt noch eine Stunde zu schlafen.


Bild: Nicht jeder hat so viel Erfolg wie wir.

Ich bin wieder am laufen. Mein Körper spielt sich langsam aber sicher wieder auf den langen Trott ein. Heute werde ich Markus am Mt. Barnett treffen. Ich habe wieder ein Ziel. Es müssen noch knapp 15 Kilometer sein. Danach werden wir zusammen bis Galvans Gorge laufen. Heute Morgen habe ich noch vor Sonnenaufgang alle Karten mit den Koordinaten der einprogrammierten Wegpunkte versehen. 110  Mal die Koordinaten auf den Karten finden.  Eintragen, Kringel ziehen. Ich messe die Strecken ab. Ich rechne die mutmaßlichen Nachtlager aus. Maximal 30 Kilometer Tagesstrecke.
Als ich heute Morgen losgelaufen bin, stellte sich nach kurzer Zeit wieder ein leichter Dämmerzustand ein. Das monotone Laufen, das Schnurren der Sulky. Gedanken im  Schädel, die sich nicht übergehen lassen. Immer wieder die leichten Schwindelanfälle. Ich meine auch leicht erhöhte Körpertemperatur zu haben. Nach dem ich die Barnett-Ranges erreicht habe, wird auch die Landschaft monoton. Bis zu dieser Bergkette von etwa 200 Meter hohen, steil emporsteigenden Klippen liegt trockenes Land. Das ausgedörrte, goldgelbe Gras ist übermannshoch. Ich reise hin und wieder einen Halm ab, um ihn zu schälen und ihn danach wie einen Speer weg zu schleudern. Wie häufig wird in den letzten 20 000 Jahren hier ein junger, dem Abenteuer entgegengezogener Mann einen Speer geworfen haben. Die raue und unwirtliche Landschaft des Napier Peninsula, der Landzunge westlich von hier, sowie dieser Teil des Busches wurde erst vor knapp hundert Jahren vom weißen Mann erobert. Viele Expeditionen wurden nach ungeklärten Todesfällen aufgegeben, oder weil der Treck im Metertiefen Schlick stecken geblieben war oder dem fehlenden Wasser erlegen ist. Bis vor diesen hundert Jahren waren die Aboriginees, hier waren es wahrscheinlich Bardis, die absolute Herrschaft. Das Land war ihre Heimat. Sie alleine konnten hier überleben, lange bevor sie einer hauptsächlich christlichen Okkupation entgegensahen. Später kamen Missionare und löschten systematisch die Kultur. Die Kinder wurden weggenommen, die eigene Sprache  verboten und unter Prügelstrafe gestellt. Die Kultur, die Identität und die Fähigkeit autark zu leben geraubt. Diese einzigartige Kultur, die damals junge Männer hervorbrachte, die aufgebrochen auf die Suche nach Nahrung und Abenteuer ihre Speere schleuderten. Sehr lange, bevor ich meine Grashalme verschicke.


Bild: Galvans Gorge - ein wieteres Paradies.

Die Umgebung ändert sich. Es wird bergiger und die Termitenhügel stehen dicht gedrängt im Buschland. Während ich laufe achte ich dauernd auf den Boden, um nicht versehentlich auf eine Schlange zu treten. Hin und wieder hebe ich den Blick, um die nähere Umgebung zu betrachten. Ich sehe, wie Kängurus mit riesigen Sprüngen fliehen. Die schwarzen Kakadoos fliegen in großer Höhe über mich  weg. Sie fliegen sowieso höher als alle anderen Kakadoos, ob es rosa, weisse oder gelbe sind. Ich betrachte das immer wiederkehrende Bild des Buschgrases und der Termitenhügel. In eines dieser fast schläfrigen Momente blicke ich in ein Gesicht. In etwa zehn Metern Entfernung starrt mich mit einem dämonisch verzerrten Grinsen eine schwarz gezeichnete Fratze an. Es ist eines der Bilder, die jeder von uns schon in Tierfilmen über die afrikanische Savanne gesehen hat. Eine bucklige, riesengroße Hyäne. Meine erste Reaktion ist ein erschrockenes Zusammenzucken, ein im selben Moment -aufgrund des logischen Fehlers meiner Wahrnehmung- fast schmerzhaftes Abwenden, zur einen Hälfte ungläubig, zur anderen Hälfte euphorisch ob meiner Entdeckung starre ich zum Boden. Diese Reaktion, alle diese Gefühle erreichten mich im Moment der Wahrnahme. Noch während ich – nur Sekundenbruchteile später – meinen Blick wieder erhebe durchzuckt es mich. „Es muss ein Beutelwolf sein!“ Eines dieser Anfang des Jahrhunderts ausgestorbenen Raubtiere, das auch unter dem Namen „Tasmanischer Tieger“ bekannt war. In einem Buch über Kryptozoologie hatte ich gelesen, dass er in den Kimberleys in den letzten Jahren gesichtet worden sein soll. Dieser Gedanke wird in der nächsten Wahrnehmung meiner tasmanischen Hyäne vernichtet: Dort wo ich das nicht hier-sein-dürfende Tier gesehen oder zu sehen geglaubt hatte, steht kahl und groß ein ockerfarbender Termitenhaufen.



Bild: Nahrungsvorräte für die nächsten Tage werden angelegt.

Noch vor Nachmittag treffe ich auf Markus, der mittlerweile besser auf das Laufen vorbereitet ist und wir legen gemeinsam die nächsten 15 Kilometer zu Galvans Gorge zurück. Hier stürzt ein Wasserfall 15 Meter steile Felswände herunter in einen felsigen See. Wir fangen gut drei Duzend Fische, eine Schildkröte und einen Wasserwaran. Während wir die Schildkröte und den Waran abends zubereiten und essen, trocknen und räuchern wir die Fische, um Nahrungsvorrat für die nächsten Tage zu haben. Morgen früh steht uns der Aufstieg auf die Philips-Ranges bevor. Es ist die erste größere Bergpartie, vor der wir großen Respekt haben. Wir essen uns satt und gehen mit dem Sonnenuntergang schlafen. Die nächsten Tage in den Bergen werden ziemlich anstrengend sein.