| Tag 9, 12. September 2006 : Mt Bell und (k)eine Isomatte |
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Probleme. Wir sitzen hier am Roadhouse der Imitji Comunity und haben keine Vorräte mehr. Und das direkt vor den King-Leopold Ranges. Was war passiert? Nachdem wir heute sehr spät das Lager zusammengeräumt haben, es mag schon fast 8 gewesen sein und die Hitze kündigte sich mit rund 25 Grad an, hatten wir Probleme in den gleichmäßigen Schritt zu finden. Die Strecke hier war seit drei Tagen endlich wieder eben und uns fehlte der gleichmäßige Gegenzug der Sulkys. Die Straße war hier an einigen Stellen durch trockene Furten unterbrochen. Mein Schienbein schmerzte und ich hatte Probleme mit dem Abrollen. Ich nahm mir vor, für die kommende Bergstrecke feste Schuhe zu tragen. Nach über eineinhalb Stunden, die Umrisse Imitjis müssen schon erahnbar gewesen sein, fragte mich Markus: „Schau mal hinten nach der Rolle, ich sehe sie nicht.“ Ich wunderte mich, welche Rolle er meinte, denn ich sah nichts, was seiner Beschreibung entsprechen konnte. Nach weiterem Nachfragen erklärte er mir, dass er unsere getrockneten und geräucherten Fische in einer Reflektorfolie eingepackt und auf seiner Sulky mit einem Gummizug festgeschnallt habe. Ich war niedergeschmettert. Auf der Sulky war: nichts. Statt die auf einer stabilen Nylonschnur aufgefädelten Fische einzuhängen, waren sie nur unter den Gummizug geschnallt worden und sind prompt heruntergerutscht.
Die Stimmung sank von einem Tief auf den absoluten Nullpunkt. Unsere Fische, unsere getrockneten, tranigen Fische, sie waren weg. Als Markus seine Sulky begutachtet fällt ihm noch etwas Weiteres auf. Die Isomatte fehlt. Ich wurde einigermaßen wütend. Wenn die Isomatte fehlt, kann er auf dem Boden schlafen, das ist nicht so schlimm, da er einen dicken Schlafsack hat. Aber ohne unsere Fische habe ich kaum eine Möglichkeit die King Leopold Ranges zu bewältigen. Ich merke, wie meine Fettreserven am unteren Minimum angelangt sind. Neben der halben Tasse Reis sind die Fische die einzigen Energiereserven. Schon jetzt streikt mein Kreislauf immer wieder, bis meine Wadenmuskulatur warm ist, dauert es Stunden. Ich beschließe, dass wir zusammen bis zur Community laufen und er alleine zurück läuft, um die Ausrüstungsteile wieder zu holen. Wir werden mit Sicherheit mehrere Stunden dadurch verlieren. Nachdem er gestern an unserer Mittagsrast sein gesamtes Kartenmaterial in einer Windböe verloren hat, weil es nicht beschwert worden war, war ich unwillig für diesen Fehler zusätzlich zu laufen. An Imitji angekommen treffen wir einen dieser großen Geländebusse. Er gehört einem Reiseveranstalter (der Wochen später Micha und mich zufälligerweise beim Trampen mitnimmt). Während Markus zurückläuft spreche ich mit dem Fahrer des Busses. Die Touristen, die sich mit diesem Vehikel transportieren lassen, fragen mich aus und fotografieren. Genauso wie sie mich ungefragt ablichten, knipsen sie die an der Community sitzenden Aboriginals – als ob es Tiere im Zoo wären.
Der Busfahrer bietet spontan an, mit seinem Bus zurück zu fahren, um das verlorene Material aufzusammeln. Er fährt los, holt Markus ein und fährt ihn zurück. In der Zwischenzeit befrage ich den Besitzer des Imitji-Roadhouses wegen Micha. Er hat keine Informationen. Sie hatte mit seiner Frau telefoniert und die ist in der Stadt – 400 km von hier in Derby. Als der Bus wieder auftaucht, hat Markus die Fische wieder, nicht jedoch die Isomatte. Sie bleibt vorerst verschwunden. Kurz bevor wir aufbrechen, fährt ein Pickup heran und ein schielender Australier mit langem Bart und extrem starkem Dialekt streckt uns freudig strahlend die Isomatte entgegen: „Damit ihr heute Nacht gut schlafen könnt!“ Wir waren wieder vollständig und konnten mit über einer Stunde Verspätung weiterlaufen. Mittlerweile war es Mittag geworden. Wir konnten uns ob der geringen bewältigten Strecke nicht erlauben zu pausieren. Also liefen wir weiter, immer weiter in die Ranges hinein. Nach einer kurzen Pause an einem Tümpel voller March Flys standen wir vor „the Bench“, die Bank. Um 14 Uhr beginnen wir bei 35° den Aufstieg auf fast 500 Metern. Dieser erfolgt über eine einzig gerade Strecke. Ohne Kurve, die den Anstieg etwas einfacher machen würden. Nach einer dreiviertel Stunde liegt vor uns ein die weite Ebene zwischen den Barnet -Ranges und hier. Wir sind erstaunt, wie weit Füße tragen. Durch ein gewundenes, unwirkliches Tal voller Quellen und Pandanuspalmen kämpfen wir uns jeden Meter an den Mt. Bell heran. Der Berg, der aus der Ferne wie ein riesiger liegender Phallus aussieht, liegt in seiner gesamten Masse vor uns. Immer wieder steigen wir um hundert Meter an, um wenige Kilometer später steil abfallende Strecken zu begehen. Abwärts laufen ist anstrengender als das Aufwärtsgehen. Meine Schienbeinmuskeln fühlen sich an, als ob sie platzen, Markus hat Probleme mit den Knien. Mit den letzten Energiereserven erreichen wir eine geeignete Stelle zum Übernachten. Auf dem Weg dorthin finden wir eine überfahrene Taube, deren Organe aus einem Loch an der Wirbelsäule hängen. Kurz vor unserer Ankunft muss Sie Bekanntschaft mit einer Windschutzscheibe gemacht haben. Ein Grund mehr, auf Autos zu achten. Wir häuten den winzigen Vogel und kochen damit eine Kraftbrühe, die uns unerwartet viel Energie gibt. Als es dunkel ist, quietscht ein kleiner Kokaborra auf den Hügeln um dieses Tal. Es schallt und hört sich an, als ob das Tal voll tausenderkleiner sympathisch lachender Vögel ist.
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