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Tag 13, 16. September 2006 : Der Dritte im Bunde

Obwohl wir vorgehabt haben hier am Lennard-River einige Zeit zu bleiben, sind wir schon wieder auf dem Weg nach Südwesten. Die gestrige Nacht wurde mit der Planänderung eingeleitet, gleich morgen früh weiter zu laufen. Eigentlich schade, dieses Paradies wieder zu verlassen. Aber uns beiden brennt die Erde unter den Solen.

Markus hat sich seit über zwei Wochen nicht mehr zu Hause gemeldet, da es keinerlei Kommunikationsmöglichkeiten auf der Strecke gibt. Ich weiß nicht, ob es Micha gut geht, Seit jetzt genau 2 Wochen haben wir uns nicht gesehen. Ich bin mir unsicher, ob es ihr gut geht. Vielleicht ist etwas passiert? Wie häufig wurden wir gewarnt. Man solle hier nicht trampen, Frauen sollen nicht alleine unterwegs sein.

Haben wir die Gefahr unterschätzt? Meine Erfahrung über Australien hat mich bis jetzt gelehrt, dass es –von ein paar Tieren abgesehen- das ungefährlichste Land ist. Kriminalitätsrate gleich null. Und doch geschehen ein paar komische Dinge hier. Es hat nicht einmal peripher damit zu tun dass eines der gerade in die Kinos gekommener Horrorschocker dort spielt, wo Micha hin wollte. Wolf-Creek. Nein, es hat mit einem Risiko zu tun, das so hoch wie traurig ist. Aboriginals. Gerade vor drei Wochen als Micha und ich in Derby unterwegs waren erkannten wir ein neues Problem, nachdem wir fast von "Botnik" einem massigen, betrunkenen Aboriginee angegriffen worden waren, nachdem er Micha küssen wolte. Die Aboriginalkultur war in den letzten hundert Jahren nachhaltig zerstört worden. Die Kinder der Eingeborenen wurden geraubt und in Umerziehungsheime gesteckt, damit sie englisch sprechen lernen und den „richtigen“ den christlichen Glauben annähmen. Die getrennt von den Eltern Aufgewachsenen verlernten ihre angelernten Fähigkeiten und Fertigkeiten. Ihre Eltern, Kultur, ihre Jagdtiere, ihr Grund und Boden. Diese Generation wurde „The Stolen Generation“ genannt. Die darauf folgende Generation wurde von einem tragischen Umstand überboten. Die Kinder der Stolen Generation wurden unfähig einen Beruf auszuüben, entwurzelt. Alkohol, viel Alkohol, körperliche sowie häusliche Verwahrlosung und Gewalt kennzeichnete die nun „Lost Generation“ genannten Menschen. Und genau diese beherbergt ein großes Risiko. In Slums lebend, schwerstabhängig von Alkohol und vergessen von der Regierung sind Gewaltexzesse, Morde, Selbstmorde und Vergewaltigungen an der Tagesordnung. Brennpunkt hier im Norden ist neben Derby und Broome unter anderem Halls Creek. Unter anderem eine Station von Micha. Da sie vorerst mit dem Greyhound unterwegs war, bestand das Problem, dass der Bus abhängig vom Ort nachts um  halb drei mitten im Outback hält und dort die Passagiere teilweise mitten auf der Strecke herauslässt. Manchmal in den übelsten Gegenden.


Bild: Mutmaßlich ein Baramundi (ich habe ihn nie zu gesicht bekommen :(

Ich male mir, seit dem ich die Nachricht erreichte, dass wir uns nicht wie vorgesehen hier am Lennard-River treffen, die schlimmsten Szenarien aus. Den Vorschlag von Markus, dass wir die Tour abbrechen um abzuklären, ob alles okay ist und dann zurückkehren um weiterzulaufen lehne ich ab. Wenn etwas passiert ist, kann ich nun nichts mehr machen. Und wenn ich die Tour jetzt abbreche weiß ich, dass ich in spätestens einem oder zwei Jahren wieder auf der gleichen Strecke unterwegs sein würde. Ich wünsche mit so sehr, dass ihr nichts passiert ist. Dass wir unser Leben so weiterleben können, wie wir es bisher gemacht haben, ohne dass hier etwas durch ein unvorhergehendes Ereignis für immer zerstört ist. Waren unsere Anforderungen an uns gegenseitig zu hoch? War meine Anforderung an mich oder an Micha zu hoch?

Nachdem wir gestern bis spät nachts Wasser gefiltert haben und nach 40 Litern aufgehört und weitere 20 Liter ungefiltert abgefüllt haben sind wir wieder unterwegs. Fast zeremoniell haben wir die letzte Etappe in Angriff genommen. Markus und ich geben uns die Hand und gratulieren uns zur bisherigen, wirklich akzeptablen Leistung. Wir laufen in die Hitze hinein und nach kurzer Zeit träumen wir wieder von kaltem Bier, von etwas zum Essen. Von Wasser, von viel, klarem Wasser mit Eiswürfeln. Und von Schokolade und Milch. Wir nerven uns gegenseitig indem wir immer wieder neue Rezeptideen kreieren und verwerfen.

Ich träume ein wenig vom Winter.

Die Napier Ranges liegen mittlerweile außer Sichtweite. Die dunklen Gedanken der letzten Tage stellen sich ein, als ob sie zum regelmäßigen Schritt gehören. Plötzlich sehe ich in einiger Entfernung eine Staubwolke. Es ist eingroßer 4WD, der mit hohem Tempo auf und zugerast kommt. Etwa 50 Meter entfernt macht der weiße Wagen eine Vollbremsung und schlittert über den feinen Staub an den Seitenstreifen. Ich spiele schon mit dem Gedanken zur Sicherheit die Machete auszupacken, da uns das Auto doch etwas zu bedrängen scheint. Die Beifahrertüre öffnet sich. Im selben Moment erkenne ich einen Mann mitlangem Bart hinter dem Steuerrad, als ein kleiner Wirbelwind aus dem Auto springt und auf uns zurast. Es ist Micha! Die Anspannung, die Ängste der letzten Wochen fallen in einem einzigen Moment ab. Der bärtige Mann ist unser guter Freund James. Wir drei fallen uns  glücklich in die Arme.


Bild: Erleichterung, die Dritte im Bunde beim Wasserpumpen.

James lädt den Rucksack von Micha aus. Sie wird ab  nun zusammen mit uns den Rest der Strecke laufen. Nach einer kurzen Pause entscheiden wir, zu Dritt die knapp 10 Kilometer zum Lennard-River zurück zu laufen um uns dort noch etwas zu erholen und noch mehr Trinkwasser aufzunehmen und Fische zu trocknen. Wir bauen das Lager auf und genießen den Tag im Wasser.