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Tag 16, 19. September 2006: Der einsame Wächter

Heute beginnen wir sehr früh mit dem Marschieren. Nach der tagelangen Pause haben wir wieder etwas mehr Energie. Was uns wirklich Probleme macht ist die gestiegene Temperatur. Es ist kaum möglich einen gleichmäßigen Schritt zu fassen. Der Wind weht die Luft über die Staubigen Flächen. Die trockene Luft heizt sich auf hunderten Kilometern über die Steppe auf.

Hier können wir das Meer nicht fühlen. Es kann auch daran liegen, dass wir noch fast 130 Kilometer vom Meer entfernt sind. Wir laufen zu dritt. Irgendwie habe ich den ganzen Tag das Bild des in den Sonnenuntergang reitenden und einsamen Cowboy im Kopf. Irgendwie sind wir drei auch einsame Cowboys, die den ganzen Tag lang dem Sonnenuntergang entgegenlaufen. Und das machen wir wirklich. Mit dem Beginn der Mittagshitze schaltet sich das Gehirn auf Wartestellung. Die Gedanken befreien sich und arbeiten vor sich hin. Ohne dass ich sie kontrollieren kann. Warten auf die Abendkühle. Warten auf den Sonnenuntergang. Und während dem Warten laufen wir. Irgendwie bizarr.  Ich spüre die Schritte nicht mehr. Meine Beine laufen einfach von alleine.

Da wir nun zu dritt zu dritt unterwegs sind und trotzdem nur zwei Sulkys zum Wassertransport mitführen, haben wir eine 10 Liter- Wasserreserve etwa zwei Tagestouren von hier entfernt bunkern lassen. Wir werden sie Morgen Mittag erreichen. Etwa vier Stunden vom Lennard River- entfernt, nach vielleicht 20 Kilometern, erreichen wir einen riesigen, fast quadratischen Tümpel, an dessen einem Ende ein riesiger Boab thront, irgenwie wirkt er trotz seiner Größe einsam und verloren. Eine Vieherde wird von uns aufgescheucht, als wir uns zum Rasten niederlassen. Als wir weiterlaufen, finden wir eine wunderschöne, überfahrene Black-Headed-Phyton. 


Bild: Unser einsame Wächter

Die Boab-Bäume, die riesigen, knorrigen und in der Trockenzeit blattlosen Bäume haben eine traurige Geschichte. Schon immer haben die Bäume, wissenschaftlich Adansonia gregorii genannt, eine besondere Rolle für die Aboriginals gespielt. Der Baum, den es Ursprünglich in Australien nur in einem Umkreis von wenigen Hundert Kilometern Nördlich von Derby gibt,  war Ort für Zeremonien. Die mächtigen und bis zu Zehn Meter im Durchmesser messende Stämme wurden geschält und zu Schnur verarbeitet. Hin und wieder sieht man „fallen giants“, die gefallenen Riesen. Wenn in der Regenzeit die Blitze aus dem schwarzen Himmel zucken und eines dieser bauchigen, hohlen und wassergefüllten Stämme trifft, explodieren sie. Die Riesen liegen dann Jahrzehnte mit zerfetztem Bauch querüber, bleichen aus und trocknen. Erst mit den Buschfeuern löst sich der Stamm innerhalb langer Zeit auf. Manche dieser Stämme explodieren jedoch nicht, sie platzen nur und öffnen sich zu einer natürlichen Höhle. Die geplatzten Bäume leben noch lange Zeit weiter.

Während der Besiedlung und der Okkupation des Landes der schwarzen Männer durch die Weißen, wurden diese Bäume zweckentfremdet. Die alten Bäume, in deren Schatten die Väter und Vorväter der damals vor hundert Jahren lebenden Aboriginals wuchsen im Schatten dieser Bäume auf. Die Familien, die Ahnen lebten mit und von diesen Bäumen. Der weiße Mann missbrauchte die geplatzten Stämme der Boabs als Gefängnisse. Die Aboriginals, die Menschen, die in Erfurcht vor Natur und Geist der Bäume lebten, wurden im Bauch eingesperrt.  Die innige Beziehung wurde in zynischer Weise zum Verhängnis vieler Buschmänner.

Heute erinnern Tafeln an die Menschen, die in diesen modrigen Verliesen menschenunwürdig eingesperrt waren und teilweise darin umgekommen sind.


Bild: Auch Markus hat einiges an Substanz abgebaut.

Nachdem wir den See mit seinem mächtigen Bewacher verlassen, sehen wir eine dürre Gestalt, die fast eine halbe Stunde braucht um uns Fahrrad fahrend zu überholen. Es ist Shaun, dem ich nachrufe „Now you are ahead“.
Abends erreichen wir eines dieser Viehtränken, die durch Solarpumpen mit Wasser versorgt werden. Wir versuchen uns ein wenig zu waschen und füllen die mittlerweile leeren Wassersäcke wieder auf.