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Tag 17, 20. September 2006: Inferno

Nun war es soweit. Es war so unendlich anders, als wir es uns vorgestellt hatten.
Man sagt, dass einem in den letzten Momenten vor dem Tod das Leben vor den Augen vorbeizieht. Das hört sich so lyrisch an, es kling so, als ob man sich im Einverständnis mit der Welt vom Leben trennt. Wann aber weiß man, dass es soweit ist? Wann kann man mit sich selbst abschließen und weg gleiten? 

Wann aber weiß man, dass es soweit ist? Wann kann man mit sich selbst abschließen und weg gleiten?  Kampflos? Niemals, nicht in diesem Alter, nicht hier und nicht jetzt. Die Gefahr hatte uns ergriffen. Sie kam langsam näher, unaufhaltsam und so unendlich gewaltvoll.

Als wir heute Morgen aufgestanden waren, sind wir frohen Mutes losgezogen. Wir marschierten, der Schritt fiel leicht und wir feixten. In spätestens drei, allerspätestens vier Tagen werden wir nach rund drei Wochen die Zivilisation erreichen. Entspannen können. Ausschlafen können. Seit dem Beginn der Tour waren wir angespannt. Überall lauerten Gefahren, wenn sie nicht bemerkbar waren, dann nur weil sie für uns unsichtbar geblieben sind. Vergrabene Schlangen, im Unterholz versteckte Spinnen. Manchmal war es für uns auch ersichtlich knapp ausgegangen. Etwa als ein Geländewagenfahrer mit der Geschwindigkeit von vielleicht 80 weniger als einen halben Meter an Markus vorbeipreschte. Immer darauf achten, die unvermeidliche Gefahr, die unsichtbare Gefahr zu überlisten. Dieser Druck, dieser tägliche Zwang wird in wenigen Tagen von uns abfallen. So unbeschwert wir losgelaufen waren, so schnell verloren wir unsere Kräfte.

Hier, südlich des Lennard Rivers gibt es weniger Fliegen. Dafür sind wir über und über von Bienen bedeckt. Unglaublich. Um jeden von uns versammelten sich abertausende der kleinen schwarzen Bienen, deren Stachel zu kurz waren um uns zu stechen. Ich hatte vor drei Jahren von einem Eingeborenen erfahren, wie man ihnen folgen kann um Wasser und Honig zu finden. Nun waren wir selbst zur Wasserquelle geworden. Keiner von uns traute sich richtig zu atmen. Die Züge wurden stoßweise durch die Zähne geholt.  Immer wieder krabbelte eine in die Nase und ließ sich freudig wieder ausniesen. Wahrscheinlich durch diese flache Atmung, sicherlich noch mehr durch die unmenschliche Hitze wurden wir langsamer und langsamer. Micha, die mit Abstand kleinste von uns dreien musste für jeden Schritt, den ich und Markus machten, drei nehmen. Wir machten unsere erste Pause nach etwa zwei Stunden.


Bild: Der Ahne warnt uns. Aber vor was?

Heute würden wir mit Sicherheit den geteerten Teil der Gibb erreichen. Von dort aus würde es sicherlich einfacher werden. Noch 15 Kilometer bis dahin. Die Blina Oil-Company, eine große Ölgesellschaft hat die Gibb bis hier als schmale, bei uns würden wir sie schlechten Feldweg nennen, geteerte Straße gebaut, um die riesigen Baumaschinen besser antransportieren zu können. Wir machten die Pause an eines der Grids, Gitter, die verhindern, dass Vieh über die Gibb in den Bereich fremder Farmen übertritt. Nach dem wir aufgestanden waren, wurde uns allen dreien entsetzlich schwindelig. Die Hitze forderte Tribut. Micha, die vom Laufen mehr als wir gezeichnet war entschied mit einem Moskitonetz und 10 Litern Wasser hier zu warten und mit der nächsten Möglichkeit nachzutrampen. Wir machten einen Treffpunkt aus, der etwa 12 Kilometer Luftlinie lag und Micha markierte den Punkt auf ihrem GPS. Wir verließen sie und liefen weiter. Kilometer um Kilometer kamen Markus und ich voran. Kein einziges Auto passierte uns. Schon wurde die Sorge groß, dass Micha heute nicht vorankommen würde, als nach etwa einer Stunde Ein Geländewagen vorbeifuhr. Micha saß in der Mitte zwischen zwei älteren Männern. Micha war unterwegs zum Treffpunkt. Nun mussten wir nur noch hin.

Wir liefen die überhaupt nicht schnurgerade Strecke über Hügel. Immer wieder ging es auf und ab. Als ob die Gibb noch einmal alles von uns fordern wollte. An der Stelle, an der wir Micha treffen wollten gieng die Straße nach Blina-Oilfield ab. Hier müsste nach unserer Karte auch der geteerte Teil beginnen. Genau am Beginn der geteerten Strecke sollte Micha auf uns warten. Als wir um halb zwei die Abzweigung erreichten war die Straße alles andere als geteert. Viel mehr hatte sie tiefe Furchen. Am Horizont war ein kleiner Streifen zu sehen. Hier musste die Stelle sein. Nach weiteren eineinhalb Stunden in der schärfsten Mittagshitze – Markus und ich stießen abwechselnd Fluche gegen die Kartenautoren aus – erreichten wir Micha, die sich im Moskitozelt vor den Bienen geschützt hatte. Hier machten wir verspätete Mittagspause. Statt 12 waren es 16 Kilometer gewesen. Die Tagessträcke wäre hier eigentlich schon überschritten gewesen.

Während dieser Mittagspause geschah etwas sehr merkwürdiges. Zuerst hörten wir ein Rauschen, dann ein Fauchen. Gegenüber unserer Lagerstädte baute sich ein kleiner Whirlwind auf, eines dieser kleinen Tornados. Es war der mit Abstand größte, den ich bis dahin gesehen hatte. Er wurde größer und größer und wirbelte mit unendlicher Energie Laub und Staub in einem dunklen Rüssel nach oben. Ein Ahne. Was er uns sagen wollte erfuhren wir erst später. Während wir Pause machten, überholte uns Shaun. Ich rief ihm zu „Now you´re ahead!“


Bild: Ratlos. Gefangen im Feuer

Als wir die Pause beendet hatten, liefen wir erfrischt los. Da wir mehr als eine Stunde länger gelaufen waren, hatte die Pause länger gedauert. Nun war es schon kühler geworden und wir liefen auf der nun geteerten Strecke, als ob uns jemand schieben würde. Wir kamen an Shaun vorbei, der an einem Baum Pause machte. „Now you´re ahead again!“ rief er uns nach. Wir liefen und liefen. Ich merkte meine Beine nicht mehr.  Kurze Zeit später – überholte uns Shaun wiederum mit seinem Rad. Er drückte uns ein australien Danper, ein über dem Feuer gebackenes, süßes Buschbrot. „Thank you fort he Watterbag!“ bedankte er sich für den Wassersack, den Markus und ich ihm vor einigen Tagen geschenkt hatten. Das war das letzte Bild, das ich von ihm hatte. Ich traf ihn sehr viel später noch einmal in Broome.

Und wir liefen. Es dämmerte und wir liefen. Wir hatten schon bald 36 Kilometer gelaufen. Als wir endlich entschieden anzuhalten.

Es ist zu spät. Umdrehen, Fliehen, wird keinen Sinn machen. Alles, was wir heute erlebt haben, ist in weite Ferne gerückt. Alles ist so unendlich klar. Die Enindrücke prasseln auf mich ein. Als wir hier angekommen sind, wir konnten nicht mehr weiter laufen, da es bereits zu dunkel war, entdeckten wir den Rauch. Die Schwaden verdunkelten die untergehende Sonne. Ein Buschfeuer. In viellicht 500 Metern Entfernung schlugen die Flammen aus dem Unterholz über die Straße. Das Inferno. Der Wind blies uns in das Gesicht und kündigte seinen tödlichen Begleiter an. Es roch nach Rauch. Der Himmel war erfüllt von Raubvögel, die sich auf die vor dem Feuer fliehenden Tiere stürzte. Gegenwind! Bedrohlich brüllte uns das Feuer an.  

Der Puls steigt. Denk nach, denk verdammt noch mal nach! Wie haben die Straße als natürliche Schneise. Wenn das Feuer nicht überschlägt, sind wir etwas sicherer. Markus macht den Vorschlag weiter von der Straße entfernt zu lagern. No Way, keine Chance. Wenn das Feuer überschlägt und wir mitten im mannhohen Gras liegen, überrennt es uns, bevor wir aufwachen. Denk nach! Ich lasse die Zelte direkt an der Straße aufbauen. Und betrachte solange die Lage. Die Straße in einigen Hundert Metern Entfernung ist nicht mehr zu sehen. Der dicke, dunkle Qualm drängt über die Straße. Flucht! Nein, es hätte keinen Sinn. Immer wieder frischt der Wind auf und das Feuer frisst sich mit drei, mit fünffacher Schrittgeschwindigkeit durch das dürre Unterholz. Wenn wir durch den Qualm hinter die Feuerfront laufen? Der Qualm ist zu dicht. Wir würden nach wenigen Metern zusammenbrechen. Micha merkt meine Anspannung. Ich habe Angst. Wir haben alle Angst.  Ich packe die Flasche Diesel aus, die wir für unsere Kocher als Treibstoff mitführen und laufe 50 Meter gegen den Wind. Markus und ich zünden den Busch an. So paradox es erscheint, nur das Feuer kann uns retten. Der Puls rast. Das Adrenalin am Anschlag. Unser Feuer brennt die gewünschte Schneise. Hier wird das große Feuer einen Umweg gehen müssen. Wir werden vom direkten Qualm verschont bleiben. Hoffentlich.

Trotz unserer Lichtzeichen und Stoppversuche verweigert uns ein Geländebus die Hilfe, obwohl wir in Lebensgefahr schweben. Jetzt sind wir verlassen. Auf uns gestellt. Es ist Nacht.

Ich liege geduckt im Moskitozelt und halte Micha im Arm. Wir drei atmen durch nass gemachte Baumwolltücher. Der Feuersturm prasselt bedrohlich. Er wird an unserer Schneise vorbeigeleitet. Wir hoffen auf ein Morgen, während wir eingeschlossen im unendlich majestätischen Feuer ausharren, ob es sich entscheidet uns einzunehmen, in sich aufzunehmen oder freigibt, um nach hause zurück zu kehren.