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Tag 18, 21. September 2006: Der Taipan

Diese Nacht kann ich keinen richtigen Schlaf finden. Als wir am Vorabend in den Zelten am Boden duckend lagen, kam das Feuer immer näher. Das finstere Prasseln, das unglaubliche Licht. Die Hitze, der Rauch. Mit der Dunkelheit legte sich der Wind. Das Feuer war noch vielleicht 50 Meter entfernt, als es kleiner und langsamer wurde. Es dauerte noch mehr als eine Stunde, bis der Qualm an uns vorbeigezogen war. Um die Schneise brannte sich das Feuer.

Durch die verdunstende Feuchtigkeit, die in der Nacht niederschlug, wurden die Schlafsäcke und die Kleider durchnässt. Unsere Trockenfische lösten sich auf. Vollständig durchnässt. Wir rochen stärker nach Rauch als unsere geräucherten Fische. Wir brachen auf. Mein Hemd stank unglaublich. Ich versuchte es seit Lennard River zu waschen, aber der Dreck, vermischt mit Sonnencreme und Schweiß lässt sich nicht mehr entfernen. Wie als ein Zeichen der Versöhnung erspähte ich in der unmittelbaren Nähe der Straße eine Buschmelone, die durch das Feuer durchkocht  werden war. Sie schmeckte leicht rauchig. Ein wenig wie eine Zuckermelone, nur nicht so süß. Wir aßen die Melone im Laufen.

Morgen Nachmittag werden wir schon in Derby ankommen. Wenn nichts mehr dazwischen kommt. Eigentlich kann in diesen knappen 24 Stunden nichts mehr dazwischen kommen – dachten wir. Doch es kam wie so häufig anders.

Wir eliminierten systematisch die Kilometer. Wir zählten Count-Down. Noch 37 Kilometer bis zur Abzweigung (streng genommen 10 Kilometer mehr). Noch 36 Klometer. Unsere Mittagspause fällt kürzer aus. Wofür benötigen wir denn schon Kraft, morgen würden wir doch entspannen können. In der Mittagshitze hat Markus Reifen plötzlich einen Platten. In kürzester Zeit tauschen wir den Reifen und laufen weiter.

Nun sollten wir eigentlich an ein Bohrloch kommen. Wir hatten durch unser Gewaltmarschieren schon ziemlich Wasser verbraucht. Als wir das Windrad sehen, wollen wir eine viertel Stunde Pause machen, Wasser tanken und uns waschen. Als ich den Tank empor klettere rieche ich schon, dass etwas nicht stimmt. Das Wasser ist tiefgelb und stinkt bestialisch nach Schwefelwasserstoff – faulen Eiern. Die Pumpe befördert Schwefelwasser an die Oberfläche. Absolut ungenießbar! Kein Wunder, dass das Bohrloch „Run-through-bore“ heisst.

Wieder auf der Straße. Die Sonne steht schon tief im Horizont. Nun  laufen wir wirklich in den Sonnenuntergang. Die Schritte fallen uns leicht und wir kommen gut voran. Wir wollen noch 15 Kilometer schaffen. Desto früher kommen wir morgen in Derby an.


Bild: Waterwork

Da war sie wieder. Die Gefahr, die Todesnähe und die Tatsache um haaresbreite dem Tod entronnen zu sein. Eben noch war alles in Ordnung. Wir drei lachten und redeten wie immer wild durcheinander, wenn wir auf einer dieser euphorischen Wellen des „Bald-ankommens“ reiten. Eben freute ich mich auf ein wenig deutsche Winterkälte. War in Gedanken auf einer Allee im goldenen Herbst. Nur Sekundenbruchteile trennen mich vom Tod.

Die Sonne blendet im Gegenlicht und ich ziehe mir die Mütze tief ins Gesicht. Ich laufe als erster voran. Schon seit dem Beginn der Tour verzichten wir auf der Straße auf lange Hosen und Gamaschen.

Zuerst kam es  mit unwirklich vor. Aus der Stille fängt Markus an mit fester Stemme zu sagen „Achtung!“ Im selben Moment schreien Micha und Markus im Crescendo: „Achtung, Schlange“. Ich bin verdutzt. Ich sehe nichts. Die Sonne blendet, ich war durch ein Gespräch abgelenkt. Ich schaue vor mir auf den Booden und sehe – nichts. Das Geschrei der beiden wird bedrohlich. Ich beginne zu hüpfen, schreien, schaue im Moment der aufkeimenden Panik auf meinen Rücken, weil ich in der irrsinnigen Annahme, eine Schlange sei mir auf den Rücken gesprungen. Streife mir den Zuggurt von den Schultern. Renne, hüpfe. Die Rufe haben einen Höhepunkt erreicht, als sie verstummen.

Stille. Mein Herz schlägt. Ich bin in einer Seifenblase eingeschlossen. Die Stimmen von Markus und Micha sind dumpf. Ich komme langsam zu mir.

Ich frage was denn los sei, vermute schon, dass man mir einen so schrecklichen  Scherz zumutet. Markus und Micha stehen fast so sehr unter Schock wie ich. Direkt vor mir ist ein Tier auf die Straße geschlängelt. Es war so offensichtlich, dass ich es hätte sehen müssen. Als ich ungebremst weiter darauf zulief, wurde ich zuerst gewarnt. Unfähig den hunderttausende Mal geübten, automatisch ausgeführten Schritt zu bremsten, trete ich mitten auf die Schlange. Barfuss in Sandalen, mit entblößten Beinen. Es war genau der Moment, als ich als springend den Gurt ablegte, als die Schlange umfuhr und nach meinem Knöchel stieß um zuzubeißen. Es war aber genau der Moment, als ich im Sprung mein Bein wegzog und der Biss ins leere ging. Meine nachrollende Sulky rollte noch einmal über das sicherlich mindestens genau so geschockte Tier, bevor es im Unterholz verschwand. Als ich mir die Schlange beschreiben ließ, blieb kein Zweifel offen. Mir wird wieder etwas mehr schwindelig: es war die Selbe, die ich Micha noch wenige Tage vorher gezeigt hatte: Ein Taipan – jene Schlange, deren Biss nach wenigen Sekunden zum Tod führen soll.

Noch immer leicht benebelt ob des Adrenalins und der Wahrhaftigkeit, dass ich in meinem Leben schon zwei Mal auf eine Schlange gestiegen bin, bauten wir  nur wenig später die Zelte auf.

Morgen, tja morgen werden wir fast mit Sicherheit in Derby ankommen, wenn nichts dazwischen kommt. Es ist ja nicht mehr weit.