| Tag 19, 22. September 2006: Bestimmung |
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Wie jede Nacht der letzten Etappe ist auch heute kaum an schlafen zu denken gewesen. Die Aufregung lässt den Puls hochschnellen, sobald man daran denkt, dass heute Schluss sein soll. Schon wieder war die Temperatur bei 25 Grad in der Nacht geblieben. Die Luftfeuchtigkeit kann diesmal nicht vom Feuer stammen. Dieses muss schon vor zwei oder drei Tagen hier durchgekommen sein. Vielleicht ist es doch die Feuchtigkeit der Blätter, der Stämme, die verbrannt und verkohlt wurden. Sicherlich hält sie einige Zeit in der stehenden Luft.
Ein letztes Mal wache ich auf der Gibb auf. Ein letztes Mal höre ich hier die Vögel, das Inferno. Diese Tour hat mich fast zwei Jahre lang Energie gekostet. Jeder Tag, der in den letzten Wochen, Monaten vor der Reise begonnen hat, war ein Tag, der mich näher an den Beginn dieses Abenteuers gebracht hat. Die Gibb ist wie ein ruhiger Fluss. Man sieht ihre Mündung in das Meer. Und weiß, dass man Wochen lang damit beschäftigt sein wird die Straße unter sich weg zu schieben. Die Spannung, die immerwährende quälende Vorfreude, Angst, Abenteuerlust zielte immer auf den Moment, an dem ich sagen konnte, dass ich, dass wir im Team die Gibb-River-Road bezwungen, überlebt haben.
Der Moment des Ankommens. Wie ich ihn hasse. Ich weiß, dass ich in ein Loch fallen werde. Jahre lang ziel gerichtet darauf hinarbeitend. Heute, in vielleicht vier Stunden würde es vorbei sein. Wir bauen die Zelte ab. So rechte Stimmung kommt heute Morgen nicht auf. Wir reden zwar immer noch über das, was wir essen und bald trinken werden, ich habe das Gefühl, dass es mich nicht so befriedigen wird, wie ich es mir vorstelle. Wochen lang habe ich das Gefühl genossen zu wissen, wie es sein würde klares und kaltes Wasser zu trinken. Nicht die warme und meist muffig riechende Brühe. Vielleicht mit Kohlensäure. Die Anspannung steigt. Wir kommen langsamer voran als gedacht. Trotzdem liegen wir in der Zeit. In der Ferne sehe ich den ersten Strommast sein Wochen. Plötzlich sind wir drei aufgedreht. Wir machen Witze über die Stromleitung, fühlen uns als Astronauten. Wir kommen an der Aboriginal Comunity vorbei, die am nächsten an Derby lieg. Die Umgebung der Gibb ist hier auf riesigen Flächen mit Müll bedeckt, mit Weinschläuchen, Flaschen, Zeitungen. Es ist der Müll, den der „Mob“ der Aboriginals, wie sie sich selbst nennen, nach durchsoffenen Nächten hinterlässt. Mir kommen die ersten Zweifel. Ich wünsche mich an den Lennard-River zurück. In die große Ebene Nordöstlich von hier oder an die Tafelberge der Leopold-Ranges.
Ich habe ein bestimmtes Bild, seit Jahren, wie es sich anfühlt diese Ziellinie zu überschreiten. Ich weiß, dass das Gefühl so nicht sein wird. Es wird anders sein. Es wird keine Erleichterung sein. Die Anspannung der letzten Wochen entlädt sich in einem Streit, der genau 50 Meter vor dem Ziel beginnt. Als ob die Stimmung noch verdeutlicht werden sollte, fährt an uns genau in diesem Moment ein Trauerzug aus einem Corso von 20 dunkel dekorierten Autos vorbei, die einem Leichenwagen folgen. Wir nehmen unsere Mützen ab. Wir übertreten kurze Zeit später gleichzeitig das Ende der Straße. Ich bin trotzig - ich weiß nicht warum. Will weinen. Keine Ahnung was ich eigentlich will. Mir geht es mies. Uns allen geht es schlecht. Kein Ziel mehr vor Augen. Die Schmerzen, die Entbehrungen und Mühen. Der Schweiß, der Staub in den Augen, die Panik, die Todesangst, die Einsamkeit nur für diesen Moment? Nein, ich weiß genau, dass wir nicht für den Moment der Zielübertretung gekämpft haben, sondern für den Weg, für das Abenteuer und die Erfahrung, von der wir unser Leben lang zehren werden. Wie bei einem loslassen drei rasender Hunde von einer gemeinsamen Kette zerfällt unsere kleine Gruppe in Momenten in Einzelpersonen. Markus läuft einige hundert Meter voraus. Wir verwenden promt den falschen Weg und bleiben mit den Sulkys in einer Düne feinstem Sand stecken. Markus flucht. Ich fluche. Micha stolpert über einen Ast. Die letzten zehn Kilometer bis Derby sind eine Zerreisprobe. Als ob uns die Gibb geholfen hat, mit unseren Gefühlen klar zu kommen, sind die Emotionen auf diesem Stückchen nach dem Ende der großen Straße losgelöst. Micha holt mich ein. Wir pfeifen, damit Markus auf uns wartet. Er hört uns nicht, dafür folgen ein paar Stuten dem Pfiff, die auf einer rotstaubenden Koppel stehen. Endlich erreichen wir ihn. Wir laufen wieder zu dritt, zusammen. Die Gefühle ordnen sich. Erleichterung. Endlich dieses Gefühl, das ich eigentlich vor einer halben Stunde erwartet hatte. Wieder glaube ich gleich „heulen“ zu müssen Als wir in Derby ankommen, führt uns unser Weg tatsächlich zum Whoolys. Wir setzen uns in den Schatten eines großen Boabs. Wie sinnlos die mächtigen Wächter hier in der Stadt aussehen. Wie deplaziert und zynisch wacht er über die betrunkenen Ureinwohner, die es kaum 20 Meter vom Liqueur-Shop weggeschaft haben, bevor sie zusammengebrochen sind und jetzt unter einem Boab liegen und den Rausch ausschlafen, bis sie wieder aufrecht gehen können um sich neuen Grog zu kaufen. Wir betreten mit großen Augen den Laden. Die Leute tuscheln, als sie uns sehen. Ich beobachte, wie eine Kundin einem Verkäufer zutuschelt: „They walked Gib-River-Road.“ Der erwidert ungläubig „They didn´t walk!“ Sie antwortet, dass es so sei worauf er in offenkundigem Respekt die Augen groß macht und leicht mit dem Kopf schüttelt „insane…“ Wir fühlen uns wie Kinder in einem Spielwahrenladen. Wir kaufen viel zu viel ein und essen. Nach kurzer Zeit liegen wir ähnlich bewegungslos unter dem Boab wie unsere Nachbarn. Wir sind glücklich. Während ich hier in Deutschland sitze und über die Zeit auf der Gib-River-Road nachdenke bekomme ich Heimweh. Ich habe dieses Land, diese Natur, die Menschen und Tiere als meine, als unsere neue Heimat entdeckt. Ich habe vieles in meiner Erzählung ausgelassen. Manches, weil es zu unwichtig für andere erscheint – auch wenn es für uns in diesen Tagen wichtig war. Manches aber auch, weil es so unendlich wichtig für mich ist, dass die Erzählung darüber ein sensibles Gefühl zerstören würde, das ich fühlen kann, wenn ich mich in Gedanken zurück versetze. Es ist mit Sicherheit das Gefühl, das uns drei wieder nach Hause ins Outback zurückholen wird
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