Was in kalten, schneereichen Gebieten die Pulka ist, ist die Sulky in Geröll- und Felswüsten. Die Sulky ist ein Ziehwagen mit zwei Deichseln, mit dem die Ausrüstung oder Wasser transportiert wird. Wer eine anspruchsvolle Expedition in wasserarmen Gegenden unternehmen wird kann sich die fast unmögliche Schlepparbeit von 5 Litern Wasser je Tag durch die Herstellung einer Sulky sparen.

Einige Daten der Sulky:
Kosten: ca. 250 € | Zeitaufwand: ca. 20 h | Gewicht: ca 8kg | Ladefläche: ca 1m² | Zuladung ca. 80 kg

Grundgedanken
Als ich das erste Mal von einer Sulky im Zusammenhang von Outdoor gehört hatte, war ich mir über ihren Nutzen noch nicht wirklich im Klaren. Es ist ein kleiner Deichselwagen, der als Transportgerät für Ausrüstung oder Wasser dienen soll. Warum, stellte sich die Frage, trägt der Mensch nicht seine Ausrüstung, die er verwenden will am Körper? Wenn diese zu schwer ist, sollte man sich wirklich überlegen, ob die Menge der Ausrüstung adäquat ist. Die Antwort hätte ich mir jedoch schon selbst geben können. Da ich bevorzugt in steppen- und wüstenartigen Gegenden unterwegs bin, weiß ich, dass es immer eine Aufgabe zu lösen gibt. Wasser.

Für eine Woche Wasser mitzuführen ist ohne Zugwagen unmöglich. Wasserreservoirs auf der Strecke vorher anzulegen ist für mich nicht reizvoll, da ich die Umgebung neu erleben möchte und nicht vorher mit dem Geländewagen durchbrettern möchte.

Der Mensch sollte unter Belastung je nach Klima mindestens 2 bis in Wüsten maximal 4 Liter Wasser aufnehmen. Die Ergebnisse fehlender Wasserversorgung und die damit verbundenen Spätfolgen durfte ich nach meinem ersten Australientrip 2003 schon kennen lernen. Wer seine Ausrüstung minimiert hat, wird auf mindestens 10 kg Gepäck kommen. Mit spezieller Ausrüstung wie Operationsbesteck, Schlangennotfallmaterial und Kameras sowie Objektive und Stativ trage ich schnell 15 kg. Wer nun noch einen erhöhten Wasserverbrauch durch Hitze und Transport dieses Gewichtes ausgleichen will, rechnet mit geringen 2 bis 4 Litern Wasser pro Tag. Bei 5 Tagen autarker Reise sind wir bei 10 bis 20 Kg. Wasser. Also ein erhöhtes Gewicht, das wiederum einen erhöhten Wasserverbrauch zur Folge hat. Wer eine gewisse Strecke vorankommen will, kann sich nicht einen gesamten Tag mit dem Finden oder Herstellen von Trinkwasser beschäftigen. Außerdem gibt es Ecken dieser Erde, in denen man nun wirklich kein Wasser findet. Der Sinn einer Sulky war nun klar. Mit diesem Wagen lassen sich größere Mengen Material und Wasser ermüdungsfrei und kraft- sowie gelenkschonend transportieren.

Das Einsatzgebiet ist bekannt. Wüsten sowie Steppen dieser Erde, die aufgrund ihrer Steinkörnung von mindestens 10mm das Ziehen des Wagens erlauben, ohne dass die Räder einsinken. Jedoch ließ sich die Silky auch gut über einzelne Sanddünen ziehen.

Geforderte Eigenschaften:
Da ich hohe Ansprüche auch selbst gebautes Gear stelle, haben sich einige Grundausstattungen der Sulky ergeben:
Der Wagen muss stabil genug sein um bis zu 40 - 60 Kg transportieren zu können

Die Sulky soll
- keinerlei Materialermüdung zeigen- auch nach langen Strecken in schwerem Gelände
- Räder von mindestens 15 - 20 Zoll Größe haben
- klappbar sein, damit sie im Zug, Bus oder beim Trampen sowie  im Flugzeug nicht stört
- ein extrem stabiles Deichselgestänge besitzen.
- unter 10 Kg wiegen, damit er in sehr schwerem Gelände am Rucksack befestigt getragen werden kann

 
Alleine der Rahmen und die Räder sind für mich interresant gewesen, der Rest wandert in den Besenschrank
   
   
 
Der mit dem gefertigten Spanntuch bezogene Rahmen.
 
Beim Schlauchflicken. Sehr gut zu erkennen sind die Schlauchbänder zur unterstützung des Gewebes.
 
Die Verbindungsstelle der Carbonstäbe. Rechts blau im Bild die auflaminierte GFK-Manschette und der Sicherungsbolzen
 
Vollständig auseinandergebaut ist die Sulky fertig zum Transport
 
Rucksack eins hat die Carbonstäbe und zwei Aluhohlprofiele geladen...
 
...Rucksack zwei trägt den rest. Vollständig zerteilt ist sie sogar zum trampen geeignet.
 
Die Verbindungsschlaufe hält den Carbonstab so, dass er sich unter Belastung durchgängig biegen kann-
 
Das hintere Ende des Konisch verjüngten Carbonstab wird mit einer Aluhülse verstärkt und an einem Winkel auf Achshöhe festgeschraubt.
 
   

 
Soetwas werden selbst die exzessiven Fahradfahrer nicht kennen. Ein Schlauch der mehr Flicken braucht als man wohl mitnehmen will... die Lösung: Selbstflickende Schläuche und durchstichfeste Einlagen.

 

Rahmen und Räder
Auf der Seite meines Freundes Dominik Birk fand ich die Idee die Sulky aus einem Grundmodul herzustellen, welches aus einem Kinderfahrradanhänger besteht. Der Vorteil dieses Rahmens liegt auf der Hand. Er besteht aus leichtem Aluminium und lässt sich innerhalb einer halben Stunde in kleine Komponenten zerlegen. Er besitzt schon Laufräder mit der Größe von 20“, die mit Schnellspannern bestückt sind. Über ein großes internationales Internetauktionshaus lässt sich dieser Chinaimport, der laut ADAC-Tests jedoch nicht zum Transport von Kindern geeignet ist, ordern.
Vollständig aufgebaut hatte ich den gesamten Korpus erst für den Flug nach Australien 2006. Ich wusste, was ich für den Aufbau meiner Sulky benötige. Der genutzte Rahmen bestand schlicht aus einer fast quadratischen Verstrebung mit Achsaufhängungsvorrichtung.
Ich musste jedoch noch einige Veränderungen am Wagen selbst vornehmen. Einerseits waren Mantel und Schläuche nicht geeignet für schweres Gelände. Also tauschte ich sie mit 20“ faltbare BMX Reifen mit MTB Stollen sowie wahlweise "Schwalbe BigApple" aus.

Je Seite kann man mit etwa 8 € bis 15 € rechnen. Die Schläuche (ursprünglich Schraderventil) waren mir außerdem zu schwer. Ich verwendete Schwalbe mit Dunlopsystem. Der Vorteil hierbei ist die Austauschbarkeit von durch Sand verstopften oder beschädigten Ventilen. Die Lager der Laufräder mussten noch gefettet und neu eingestellt werden.

Wahlweise können Speichen und Nabe gegen höherwertige getauscht werden.

Ladefläche
Statt der wannenförmigen Einlage aus corduraähnlichem Gewebe zog ich es vor einen Spannbezug parallel zur Rahmenfläche einzuspannen. Dieser Spannbezug wurde mit eingenähten Schläuchbändern verstärkt und durch Zurrgurte in den Rahmen gespannt.
Ich wurde häufig darauf angesprochen, dass eine wannenförmige Konstruktion wohl besser geeignet sei, da sie sicherstellt, dass keine Kleinteile vom Wagen fallen. Um dies zu verhindern muss die Ausrüstung zum Beispiel im Rucksack oder in wasserdichten Wickelverschlusssäcken verstaut und gut festgezurrt werden. Der Vorteil der ebenen Ausführung liegt jedoch auf der Hand. Hindernisse dürfen bis Achshöhe hoch sein (10“ bzw. ca.25cm), ohne dass sie umfahren werden müssen. Zum Nähen habe ich multifiler Hybron (Angelladen, ca 10 €/100Meter) genäht. An den Enden der Schlauchbänder wurden D-Ringe eingenäht, durch welche die 6 kleinen Zurrgurte zum Spannen der Ladefläche gefädelt werden.

Deichselgestänge
Die Deichsel wollte ich aus dem genauso beliebten wie teuren Leichtverbundstoff Carbon herstellen. Es sollte materialspezifisch genau die Eigenschaften haben, die ich zum Führen des Wagens benötigte. Im unteren Beanspruchungsbereich, also bei geringer Biegung und Zug federn die Stäbe kleine Erschütterungen sowie Achslagedifferenzen aus. Bei extremen Gelände und einer gewissen Grundbiegung zeigt das Material eine Weiterbiegesteifigkeit, die dem Führer volle Kontrolle über das Gefährt lässt. Der Zieher muss sich also nicht mehr um die Stäbe kümmern und kann sich vollständig auf die Straßen/Weg/Pfadlage des Wagens konzentrieren.

Auf der Suche nach geeignetem Gestängematerial verbrachte ich einige Zeit mit Anfragen bei verschiedenen Firmen der Kohlefaserindustrie. Bezahlbar gewesen wären pultrudierte Rohre. Diese sind jedoch von der Belastbarkeit unter Biegung weniger geeignet als gewickelte Rohre. Ich hätte sie mit Glasfaserverbund verstärken müssen.

Gewickelte Carbon Nordic-Walking Stöcke, die mittlerweile überall zu vertretbaren Preisen angeboten werden, sind zu kurz. Die Deichseln müssen mindestens 150 cm lang sein, damit sie so befestigt werden können, dass sich der Deichselführer nicht ständig selbst in die Haxen fährt. Große Firmen der Carbonrohrproduktion zeigten sich wenig kooperativ gegenüber Anfragen Ausschussware günstig zu beziehen. Schlussendlich fand ich geeignete Stäbe. Im Internetshop eines großen norddeutschen Outdoorversandhandels stieß ich auf Skilanglaufstöcke aus Carbon, die –wenn ich mich recht erinnere- von 140€ auf 44€ heruntergesetzt worden waren. Der Sonderpreis war eigentlich kein Wunder, waren die Stöcke doch 170cm, und damit für gewöhnliche Menschen etwas zu lang. Die Stäbe wurden vorsichtig von Spitze und Korb befreit und mit einer Stahlsäge in der Mitte halbiert. Die Zusammengebaute Sulky sollte doch nicht ein Meter siebzig als kürzeste Seite lang sein. Nun gab es die nächste technische Herausforderung zu meistern. Während Carbon extrem belastbar auf Zug/Druck, Torsion und Biegung ist, springen die Stäbe bei leichtem Druck auf die Innenwand. Diese Kräfte würden unter Realsituationen mit Sicherheit auftreten. Also besorgte ich mit Glasfasermatten und Polyesterharz mit Härter.

Die Hohlstangen wurden an den Sägekanten von innen auf einer Länge von 15 cm mit Glasfaser ausgelegt und in diesem Bereich ausgegossen. Ich besorgte mir Hülsen aus einer stabilen Aluminiumlegierung, deren Durchmesser genau auf den Querschnitt an der Sägestelle passte. Die 15 cm langen Hülsen wurden bis zur Hälfte ihrer Länge auf den oberen Stab geschoben, nachdem Sie mit Epo-Kleber bestrichen worden sind. Damit sich diese Verbindung unter Zug nicht löst, wurde die Hülse mit mehreren auflaminierten Schichten GFK fest eingebunden. Außerdem wurde sie mittig mit einer Lochbohrung von 5 mm versehen. Die untere Stange wurde in die Hülse eingeschoben und ebenfalls durchbohrt. Mit einem Sicherungsbolzen ließen sich nun die Stangen sicher verbinden und wieder teilen. Durch den 7,5 cm überstehenden Hülsenteil werden Biegekräfte übertragen, ohne dass Maxima an den Hülsenenden auftreten oder das Biegeverhalten des Carbons stark beeinflussen. Zur Befestigung der Deichseln am Wagen testete ich verschiedene Möglichkeiten. Ich entschied mich zur Verwendung eines mit dem Kinderanhänger mitgelieferten Aluminiumbogens, den ich durch eine neue Bohrung in seiner Lage nach oben versetzte und schräg absägte. Die unteren Stangensegmente wurden dort mit einer Schraube und einer stabilen Schlaufe aus Schlauchband festgeklemmt. Die untere Spitze der Stangen wurde mit einer Aluminiumhülse verstärkt und zum Verschrauben durchbohrt

Nicht nur Menschen interessierten sich für das komische Gefährt. Auch größere Burschen sprachen auf die Sulky an.

Test
Nun war die Sulky fertig für die ersten Tests. Eine  Freundin musste sich auf die Ladefläche setzen und dann wurde sie über den Wohnheimrasen und das dazugehörigen Volleyballfeld gezogen. Teilweise so schnell, dass sie es schaffte rückwärts abzusteigen, wie es gewöhnlicherweise Gerätetaucher von einem Boot aus machen. (F=a*m ) Wenige Tage nach Fertigstellung der Sulky wurde diese auch schon wieder auseinandergeschraubt. Sie ließ sich so klein zusammenpacken, dass sie auf zwei Rucksäcke verteilt beim Trampen mit nach Griechenland auf eine längere Testtour genommen wurde. Einige meinten zwar wir hätten ein Fahrrad dabei, aber mitgenommen wurde ich als Anhalter trotzdem.
Das war vor allem bei Wüstentouren in Australien, Israel und Ägypten hilfreich, wo die Anfahrt zum Startpunkt nicht mit öffentlichen Verkrhesmitteln möglich war.

Nach ausgedehnten Teststrecken über verschiedenste Untergründe und einer mit einem guten Freun zurückgelegten Strecke von 150 km um den Bodensee hatte ich genügend Erfahrung gemacht um die Schwächen der Sulky benennen zu können:

Verbesserung
Extrem anfällig sind die Schläuche beziehungsweise Reifen. Flickzeug und Ersatzschläuche dürfen nicht vergessen werden. Teilweise hatten wir Reifenperforationen mit bis zu 30 Löchern. Ich testete erstens selbstflickende Schlauchsysteme und zweitens Kevlarreifen. Mittlerweile haben sich Schläuche mit Pannenfluid und durchstichsichere Einlagen etabliert.

Dadurch können auch leichte Faltreifen wie die "Schwalbe Moe Joe"sicher einsetzen.

Außerdem sind die Räder auf einer Testtour geringfügig gegeneinander gestellt gelaufen da sie nicht genau parallel standen. Dadurch ergab sich auf asphaltierten Straßen starker Mantelabrieb. Eigentlich will ich die Laufräder, die von allen Komponenten noch am schwersten sind, austauschen. Leider gibt es serienmäßig keine leichten 20“ Reifen für annehmbaren Preis. Ich werde mich noch umschauen.

Es wurde außerdem ein Fahrradtacho an der Sulky befestigt um die genaue gelaufene Strecke zu berechnen und die Durchschnittsgeschwindigkeit zu messen - es stellte sich als sehr hilfreiche Einrichtung zur Navigation heraus.
Mittlerweile hat die Sulky Touren auf der ganzen Welt von insgesamt weit mehr als 4000 km hinter sich - teils auf extrem schlechtem Gelände. Sie läuft wie am ersten Tag.
 Sie wurde in dieser Form schon duzende Male als "Pilgerwagen" nachgebaut, auf diese Weise unabhängig getestet und so als idealer Reisebegleiter festgestellt.

Übrigens Vorsicht: Die Sulky scheint eine hohe Affinität zu frei herumlaufenden Hunden zu haben (oder umgekehrt)