Stellen Sie sich vor, Sie sind Hersteller für ein Produkt. Sagen wir, es ist ein Spülmittel. Es ist qualitativ hochwertig und verkauft sich gut. In Onlineshops wird es gut bewertet.

Es ist ein gängiges Produkt, das auch zum Autoputzen und Haarewaschen verwendet wird. Ein Anwender schreibt, dass er es zu Hause auf seine befallenen Rosen sprüht und er nun weniger Blattläuse hat. Tatsächlich sind in der Seife Stoffe, die dazu führen, dass Blattläuse sterben. Ein Institut für Pharmazie der Uni Leibzig untersucht darauf hin und tatsächlich: Blattläuse im Reagenzglas, die mit der Seife behandelt werden, sterben: die Blattläuse kleben zusammen und verenden.

Toll für Sie, Sie verkaufen nun ihr Spülmittel auch an Kleingärtner.

 

Allerdings verbreitet sich der kleine, sechsseitige wissenschaftliche Bericht, der auch nicht von jedem korrekt verstanden wird, nicht nur in Gärtnerkreisen, sondern auch in Outdoorforen, Hundevereinen und wird mangels Fachwissen recht frei interpretiert:

Spülmittel hilft gegen Kopfläuse!“, heißt es dann in einem Bushcraftforum, „weil sie verkleben“. Andere wissen: „Deine Tochter muss nur jeden Tag ein Glas Spülmittel trinken und die Kopfläuse lassen sie im Kindergarten in Ruhe“.

Spätestens jetzt sind sie als Hersteller gefragt, sich zu äußern. Denn Sie selbst wissen aus eigenen Untersuchungen, dass Blattläuse reduziert werden, wenn sie mit dem Spülmittel benetzt werden. Allerdings sterben an der Pflanze nicht alle – hier sind die Umstände doch etwas anders, als im Reagenzglas. Aber ganz sicher hilft es nicht gegen Kopfläuse, die nichts mit Blattläusen zu tun haben und selbst wenn Kopfläuse in der Seifenlauge untergingen und stürben – eine Tasse Seife hilft sicher nicht gegen die Krabbler auf dem menschlichen Kopf.
Nun könnte sich das pharmazeutische Institut melden und erklären: Wir haben hier eine einfache, kleine Untersuchung in vitro, also „im Reagenzglas“ gemacht, die nichts mit der Anwendung am Menschen zu tun hat.

Und dass die Untersuchung eine allererste Einschätzung ist, da wohl irgendetwas im Spülmittel sein muss, das gegen Blattläuse wirkt. Außerdem war schon vorher bekannt, dass Spülmittel gegen Schildläuse, Drahtwürmer und Tomatenpocken hilft.

Es sollte also schlicht untersucht werden, ob es auch eine Wirkung auf Blattläuse hat – und welcher Inhaltsstoff dafür verantwortlich sein könnte.

Aber das Institut hüllt sich in Schweigen – auch, weil durch sein Bericht, dem „Paper“, klar wird, dass es sich nur um Blattläuse im Reagenzglas handelt, nicht um Menschenläuse auf dem Kopf. Außerdem ist es nicht die Aufgabe der Wissenschaft, ständig zu kontrollieren, ob die Erkenntnisse korrekt verwendet, interpretiert und nicht missbraucht werden.

Wenn Sie nun als Spülmittelhersteller selbst davor warnen: „Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass Spülmittel gegen Kopfläuse wirkt“, sind sie dann blöd, weil Sie sich einen einträglichen Markt selbst verbauen? Sie hätten sich ja auch gar nicht äußern müssen und wider besseren Wissens einfach Spülmittel in großen Mengen an Kindergärten liefern, obwohl klar ist, dass hier kaum so viel Geschirr anfällt.

Nein, das ist nicht blöd, sondern ehrlich und verdient Respekt!

Wenn Sie nun in unserer kleinen Parabel das Wort „Spülmittel“ gegen „Cistrose (Cistus)“ tauschen, und „Kopfläuse“ gegen „Borreliose, eine potentiell chronische Krankheit, die den Betroffenen bis zum Lebensende an den Rollstuhl fesseln kann“, dann ist die Warnung durch den Hersteller nicht nur ehrlich sondern grundrichtig.

Und dann sind wir nicht mehr bei einer Spülmittelgeschichte, sondern bei einem sehr ernsten und aktuellen Thema: Zecken und Cistrosen.

Cistrosen sind unscheinbare buschige Pflanzen mit kleinen pfefferminzähnlichen Blättern und nur während der Blüte auffällig. Sie haben ein zartes und angenehmes Aroma und wurden seit mehreren tausend Jahren bei Krankheiten als Tee eingenommen. Ein altes Heilkraut also.

Im Mittelmeerraum wuchern Cistrosen an den heißen und sommertrockenen Hängen in sehr großer Anzahl. (Die Pflanze ist so zahlreich, dass man sich schon wundern muss, dass in Deutschland ein Kilogramm zwischen 35 und 60€ kostet)

Es ist schon lange bekannt, dass die Pflanze eine große Menge von Polyphenolen enthält – Stoffe, die gegen Bakterien, Pilze und in eingeschränkter Bandbreite auch gegen Viren wirken, aber in ihrer Komplexität dennoch nicht unproblematisch sind1.

Polyphenole sind dafür bekannt, dass sie beispielsweise durch Reaktion mit anderen Pflanzeninhaltsstoffen, Verdauung oder bei Zubereitung ihre Wirkung verändern – ob und wie die Stoffe dann wirken ist völlig unklar. Die Anwendung als Extrakt im Labor ist damit in keinster Weise mit der Anwendung im Menschen zu vergleichen.

Außerdem sind viele Polyphenole regelmäßig und in größeren Mengen eingenommen klar gesundheitsschädlich. Die Wirkung der Extrakte und Tees ist nur bei direktem Kontakt mit dem Bakterium gesichert – im Hals und Rachen, und beispielsweise in der Petrischale. Wer Zistrosenextrakt auf Bakterien kippt – dabei ist die Art relativ egal – kann davon ausgehen, dass diese geschädigt oder abgetötet werden.

Die einzige Untersuchung bzw. wissenschaftliche Verbindung zwischen Cistrosen und dem Erreger der Borreliose ist eine kurze Arbeit der Uni Leibzig „Growth inhibiting activity of volatile oil from Cistus creticus L. against Borrelia burgdorferi s.s. in vitro2“. Wer sich die Arbeit ansieht, muss sich wundern, wie daraus gestrickt werden konnte, dass Borrelien in vivo durch Cistrosen abgetötet werden sollen. Dennoch vervielfältigen sich mal wieder die anekdotischen Erfahrungen, die bei einer chronischen, in Wellen verlaufenden Erkrankung wie Borreliose denkbar ungeeignet sind, um eine Wirkung zu erkennen.

Gegenbeispiel gefällig? Tausende Asiaten schwören auf die Wirkung von Tigerpenis und Co., Millionen von Menschen glauben an das, was im Horoskop steht. Milliarden von Menschen glauben jeweils an einen anderen, aber universell einzig wahren Schöpfer; viele können das auch mit göttlichen Erfahrungen „beweisen“.

Und „Eines ist Sicher: Ihre Rente“

Es wird nicht wahr, bloß, weil viele Menschen daran glauben oder meinen Erfahrungen gesammelt zu haben, die nicht reproduzierbar sind.

Dieses Wissen hat den Hersteller von Cistrosenprodukten „Dr. Pandalis Urheimische Medizin GmbH und Co. KG“ dazu bewogen, vor der Behandlung von Borreliose mit Cistus zu warnen.

Wer sich in das Thema ein wenig eingelesen hat und die Arbeit von Rauwald et al. durchgesehen hat, erkennt schnell:

  1. Cistrosentee ist in Maßen getrunken unschädlich. Wer ihn mag, soll ihn trinken.

  2. Polyphenole wirken gegen bakterielle Erreger in Hals und Rachen. Eine systemische Wirkung ist unsicher.

  3. Literweise sollte Cistrosentee über längere Zeit allerdings nicht getrunken werden.

aber:

  1. Es gibt keinerlei gesicherte Erkenntnisse, die eine positive Wirkung bei Borreliose annehmen lassen. Selbst Hersteller sprechen sich gegen die Anwendung aus.

  2. Es gibt keinerlei gesicherte Erkenntnisse, dass die Inhaltsstoffe im Blut und vor allem an den schwer zu erreichenden Stellen, an denen sich Borrelien im Körper 'verstecken', irgendeine Wirkung haben.

  3. Es gibt keinerlei gesicherte Erkenntnisse, dass die Inhaltsstoffe der Cistrose gegen FSME, RSSE bzw. TBEV wirken.

  4. Es gibt keinerlei gesicherte Erkenntnisse und es ist sehr unwahrscheinlich, dass Cistrosen als Repellent wirken ( Schafzecken sitzen übrigens gerne auf Cistrosenbüschen).

 

Zum jetzigen Zeitpunkt muss davon ausgegangen werden, dass Cistrosen keinerlei Einfluss auf den Biss einer Zecke oder das Ausbrechen oder Heilen der Krankheit Borreliose hat.

 

Sträflich fahrlässig handelt meines Erachtens, wer:

 

  1. nur auf Basis anekdotischer Erinnerung („mein Hund hatte weniger Zecken, nachdem er Cistrosentee getrunken hat“) Cistrosen als Alternative zu wirksamen Repellentien wie DEET oder Bayrepell verwendet oder proklamiert. (Das selbe wird übrigens auch von Amethysthalsbändern und Handauflegen behauptet)

  2. nur auf Basis anekdotischer Erinnerung („nur 3 Monate, nachdem ich den Tee begonnen habe, ging es mir plötzlich sofort viel besser“) eine Behandlung einer Krankheit abbricht oder diesen Abbruch proklamiert.

  3. auf bekannt wirksame Behandlungsformen der Krankheit zu Gunsten des Kräutertees verzichtet oder den Verzicht der Behandlung proklamiert.

  4. Tigerpenis!

Die Arbeit von Rauwald ist übrigens schon 2009 erschienen. Weitere Untersuchungen und Ergebnisse sind ausgeblieben oder wurden nicht veröffentlicht. Auf Nachfrage hat sein Institut leider nicht reagiert.

 

1 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11301869

2 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=cistus+borrelia

3 https://www.urheimische-medizin.de