Die zivilisatorischen Fortschritte in Medizin und Krankheitsbehandlung haben mehrere vorteilhafte Effekte auf den modernen Menschen. Ja, auch eine Entfremdung von Natur und Umwelt zeigt Vorzüge im Anbetracht der modernen wissenschaftlichen Fortschritte und den daraus abgeleiteten Verbesserung für uns.

Das Wohnen in Häusern und Städten, in einer Zivilgesellschaft abgeschottet von den meisten natürlichen Gefahren hat gleichermaßen Vor- wie Nachteile, die von mündigen und aufgeklärten Menschen kaum verneint werden können, aber selten erörtert werden.

Eine besondere Aufgabe für uns, die wir versuchen zeitweise in den natürlichen - oder ursprünglicheren Umgebungen zu leben und  so temporär auf die zivilisatorischen Vorzüge verzichten, ist die rationale Abwägung von Risiken und Gefahren und das sinnvolle Vermeiden und Behandeln von Einflüssen, die uns belasten, seien sie natürlich oder menschgemacht.

Eine große Schwiergkeit  erwartet uns jedoch im Betrachten dieser Gefahren, da die objektive Ansicht durch eine Erziehung und das Aufwachsen in einem "keimfreien" Vakuum sehr eingeschränkt möglich ist.

Immer wieder werden an mich Fragen herangetragen, die in in ihrer Beantwortun vermeintlich einfach sind, bei objektiver Betrachtung jedoch ganz und gar nicht mehr so trivial sind, wenn von einer etablierten Meinung abgegangen werden soll, um diese zu überprüfen, zu bestätigen oder zu verneinen.

Besonders Fragen in gesundheitlichem Zusammenhag unterliegen einer großen Verklärung, einem mystischen Einfluss, in dem die mittlerweile oder schon immer ungewohnte Natur als unendliches Risiko oder lebensfreundlichster Umgebung porlarisiert werden.

Ist das  Leben, das Wohnen in der Natur nun gesundheitlich besonders gefährlich oder besonders ungefährlich?

Um auf diese Fragen zu Antworten wird gerne auf "alte Überlieferungen" von zeitnahen, aber dennoch als besonders naturnah behaupteten Generationen zurückgegriffen.

"Hausmittelchen" und alte Weisheiten erfreuen sich besonders in diesem Zusammenhang großer Beliebtheit.

Hier ergeben sich jedoch zwei konträre Ansichten, die mit der aktuellen Forschung beide nicht decken.

Weder war das Leben früher besonders gut, gesund oder naturnah, noch sind die Risiken, die mit der zeitweiligen Abkehr von der Zivilisation einhergehen, besonders groß:

Es stimmt zwar, dass bestimmte Verhaltensweisen jahrtausendelang zu einem offensichtlich erfolgreichen (Über)Leben unserer Vorfahren geführt hat. Dabei darf aber nicht ausgelassen werden, dass diese Lebensweise von unglaublichen Problemen und Unannehmlichkeiten begleitet waren, die wir in Zeiten der modernen Medizin nicht mehr kennen. Von Gefahren und lebensbedrohlichen Zuständen, chronischen Störungen, die heute einfach zu behandeln wären.

Die "naturnahe" Lebensweise, wie sie unseren direkten Vorfahren zugeschrieben wird, ist eine geschichtliche Inkorrektheit, eine romantische Verklärung, die uns zumindest nachdenklich stimmen sollte.

Nie haben Menschen unserer direkten Vorgenerationen besonders gesund gelebt. Noch vor 150 Jahren waren Krankheitserreger, also Viren, Bakterien und andere Lebewesen als Verursacher von Krankheiten gänzlich unbekannt. Die Trennung von Fäkalien und Nahrung war unzureichend. Krankheiten wurden noch nicht einmal symptomatisch behandelt, vielmehr wurde großer Schaden durch Behandlungen wie Aderlass und mit Schwermetallen verursacht.

Trinkwasser wurde vollständig ungereinigt aufgenommen. Die Ursachen für Epidemien waren völlig unbekannt. Ob Gottesfluch oder Gestank, alles möglich wurde im Kausalzusammenhang mit Krankheiten gesehen. Nur "Krankheitserreger" eben nicht.

Parasiten entstanden durch "Urzeugung" oder durch "Erdgase". Kontaminierte Lebensmittel kannte man nicht, da Kontaminatonen unbekannt waren.

Unsere direkten Vorfahren sind keine in Waldhütten lebenden Nomaden gewesen, die sich von Waldkräutern ernährt haben, es waren Bewohner von dreckigen, städtischen Industrieslums ohne Kanalisation. In direktem Kontakt mit Ratten, Flöhen und Kloake.

Kurz: Unsere Vorfahren lebten nicht besonders gesund.

Viele "Volksweisheiten" von blutreinigenden Kräutern bis hin zum krankmachenden "Luftzug" stammen aus dieser Zeit.

Andererseits lebten - überlebten die Menschen. Der medizinische Fortschritt erlaubte den folgenden Generationen den Zusammenhang von vielen Krankheiten zu erkennen. Die Atemluft wurde besser, das Trinkwasser sauberer und der Kontakt zu krankmachenden Stoffen, also "Pathogenen", wurde größtenteils vermieden.

Der Lebensstandart stieg, wie auch die Lebenserwartung.

Der Status Quo

Durch die Vermeidung der Risiken erlaubten wir uns, uns den Krankheiten zu entfremden.
Verwöhnt vom zivilisatorischen Vorteil besinnen sich einige auf eine vegane "Lebensweise der Schimpansen" und denken, durch rohes (Urkost) wildkrautkauen Krebs zuheilen. Andere sehen die Ursache von allen Krankheiten, allen Übels und der Verstrahlung mit Antennen oder Fluorierung des Wassers.

Wir erlauben uns, zu behaupten, dass alles schlechter wird, wir ungesünder leben wie jemals zuvor.

Wir erlauben uns zu jammen, denn wir können jammern, weil wir eben nicht mehr im Dreck leben, wie es heute noch viele Millionen Menschen müssen.

Richtig ist trotzdem, dass es zivilisatorische Krankheiten gibt, Adipositas und Allergien sind in Entwicklungsländern unbekannt, aber unsere Lebenserwartung ist höher als jemals zuvor. Unsere Medizin, unsere Forschung hat uns Schmerzmittel geschaffen, Antibiotika, Impfstoffe und Krebsmedikamente.

Ist es nicht jetzt an der Zeit, dass wir uns mit diesem erweiterten Repertoir von Hilfsmitteln zeitweise in die Natur trauen? Nicht "Zurück in die Natur", denn seit der letzten Eiszeit wanderte kein Steinzeitmensch mehr alleine mit Speer und Keule bewaffnet durch den Wald.

Unsere Vorfahren sind nie "edle Wilde" gewesen, auf der bequemen Suche nach Beeren und Wurzeln.

Nun jedoch, sind wir in der Lage Risiken realistisch einzuschätzen.

Wir haben Medikamente gegen Malaria, Bilharziose und Impfungen gegen Tollwut.

Die Natur ist nicht lebensfreundlich, es gibt nichts zu verschenken. Aber die Natur ist auch nicht unser Feind. Es gibt so vieles zu entdecken, vor allem für Menschen, die sich kaum draußen bewegen, nicht rauswagen.

Wir müssen das nie dagewesene Vertrauen in unsere Forschung und medizinischen Fortschritte in ein objektives Betrachten von Gefahren verwandeln und uns die tatsächlichen Risiken vor Augen führen.

Dieser Abschnitt der Seite soll genau dieser Fragestellung gewidmet sein.

Die Gesundheit, ihre natürlichen Risiken und unsere modernen Antworten.