Jeder, der mit einem Verbrennungsmotor zu tun hat, kennt die Probleme: Ist es zu kalt, startet der Motor nur unter Stottern. Ist der Kraftstoff schlecht gemischt oder überaltert, rußt der Auspuff, die Zündkerzen verkoken und der Motor „zieht“ nicht. Außerdem gibt es viele bewegliche Teile am Motor. Nicht nur Kolben und Kurbelwelle werden belastet.

Auch Lager, Ventile, Steuerkette und diverse Federn sind ständig in Bewegung. Wehe, es schleicht sich ein „Bug“ ein – und sei es nur ein Käfer, der den Luftfilter verstopft. 

Ein Motor ist fast ein kleiner lebender Organismus. Überall zwickt es und bei Verdauungsstörungen sollte früh eingegriffen werden – sonst verstopfen irgendwann Vergaser und Auspuff.
Wer seinen Motor liebt – egal ob Rasenmäher, auf 200 km/h getunter Solo-Sport oder Einzylinder-Trekker – gibt ihm nur das beste Tröpfchen.
Ob norwegischen frostfesten Wintersprit oder steuerlich begünstigter Agrar-Diesel. Es geht nichts über das gute alte Erdöl. Fast mit schlechtem Gewissen nötigt man seinem Verbrennungsfreund ein paar Prozent-Biodiesel auf. Damit der Kolben aber weiter rund läuft gibt es eine Menge Additive in den Trunk. Das macht klopffest, hilft gegen Verschleiß und hält den Vergaser sauber.
Fast mitleidig beobachtet man den Kangoo-Fahrer, der am Aldi-Parkplatz seinen Zweittank mit Rapsöl befüllt. Das kann ja nicht gut gehen!
Ein richtiger Motor braucht richtiges Essen – und wenn er mal muckt: Medizin!

So nutzt und pflegt man sein Aggregat bis es irgendwann mit 200.000 Kilometern abgeschrieben ist. So eng ist das Verhältnis des (vor allem deutschsprachigen) Menschen mit seinem Auto, dass der Begriff „Beziehung“ richtiger ist. Die Analogie zum Menschen ist zu frappierend!
Was liegt da näher, als den Umkehrschluss zu bilden?
Was dem VW recht ist, kann dem Menschlein nur billig sein!
Spricht denn was dagegen, hin und wieder ein Gläschen Sprit dem Fahrzeug abzuzwacken und selbst zu kredenzen?
Treibstoff – genau genommen Bitumenöl war doch schon im Altertum ein gefragtes Medikament!

Der Mythos

So, oder sehr ähnlich müssen die Gedankengänge gewesen sein des Menschen, der gemeint hat, dass Benzin (wir sprechen von Treibstoff, nicht von medizinischen Aufbereitungen) ein gutes Medikament wäre. Da wir schon bei Analogien sind: Natürlich als Medikament gegen Probleme am menschlichen Auspuff.
Damit jemand aber erst auf die Idee kommt, die bestialisch stinkende Brühe zu trinken, muss es natürlich auch Hilfe gegen besonders üble Krankheitserreger sein.
Benzin ist ein Medikament gegen: Malaria? Typhus und Pest oder andere Geißeln der Menschheit?
Nein: Gegen Darmwürmer!
„Bitte was?“ werden Sie denken. Die Ascariden, die denkbar ungefährlichen Mitbewohner des Darms, die in den allermeisten Menschen dieser Erde leben und meist keinerlei Probleme bereiten?
Ja.
Der Tipp ist: „Wenn Sie Würmer haben trinken Sie etwas Benzin. Es wird ihnen schlecht gehen, den Würmern aber noch schlechter“.
Kein Aprilscherz, das ist ein vielfach zitierter und ernstgemeinter Tipp.

Der Faktencheck:

Parasitische Darmwürmer des Menschen mit weltweit wirklich nur wenigen Ausnahmen sind seit hunderttausenden von Jahren an den Menschen angepasst und machen deshalb vor allem eines:
sie parasitieren. Sie sitzen also irgendwo und fressen ein wenig davon, was eigentlich für den Menschen bestimmt war. Ob Spulwürmer, Bandwürmer, Madenwürmer oder Kratzwürmer: Sie sind zum Leben auf den Menschen angewiesen. Wenn es dem Menschen nicht gut geht, geht es den Würmern nicht gut. Nur in seltenen Fällen, bei Massenbefall durch Unterernährung und Immunsupression sind die Insassen problematisch. In allen anderen Fällen höchstens nur lästig.
Da die Würmer ziemlich genau auf den Menschen angepasst sind, gibt es meist auch nur eine Übertragung von Mensch zu Mensch. Das passiert bei fehlender Toilettenhygiene oder bei Kopfdüngung mit menschlichen Exkrementen. Beides etwas, das in Mitteleuropa kaum relevant ist.
In Entwicklungsländern dagegen kann es schnell zu einer Infektion mit diesen Würmern kommen.
Allerdings dauert es einige Zeit, bis sich die Larven bis zu bemerkbarer Größe entwickelt haben – oft wird die Infektion erst Monate später zurück in Mitteleuropa erkannt.
Ist aber keine Behandlung möglich? Natürlich! Es gibt Medikamente, die nur auf Würmer wirken und zwar extrem stark.
Hier werden je nach Art Niclosamid (Madenwürmer), Mebendazol (Band und Spulwürmer), Praziquantel (bei Saugwürmern) und dergleichen verwendet. Meist ohne bemerkbare Nebenwirkung. Wer lange Zeit im Ausland unterwegs ist, nimmt einfach ein paar Tabletten davon zur Wurmkur mit.
Macht es aber vielleicht Sinn, Benzin zu trinken, wenn der Reisende im Ausland eine Infektion bemerkt?
Um das rasch zu beantworten, müssen wir eher fragen:
Ist Benzin überhaupt schädlich?
Treibstoff, also Benzinmischungen bestehen aus diversen Stoffen, die zugesetzt werden, um ein gewünschtes Verhalten im Motor zu erzeugen. Vor allem die „Klopfhemmer“ sind problematisch. Sie reduzieren das Selbstentzünden im Motor. Früher wurden Bleiverbindungen eingesetzt (im Ausland teilweise immer noch) später eine Melange verschiedener organischer Verbindungen, auch heute noch darunter hochgradig krebserregende und giftige Inhaltsstoffe wie Benzolverbindungen.
Wer Treibstoff trinkt vergiftet sich akut und latent durch die „Oktanerhöher“.

Nehmen wir mal an, es wären keine giftigen Additive im Treibstoff. Wäre Benzin dann ungefährlich? Nein – nein nein!
Benzin besteht aus unverdaulichen Stoffen, die aber durch den Darm in die Blutbahn geraten. Von dort aus lagert sich der Treibstoff in Organen – vor allem in Lungengewebe ein. Das geschieht durch das Einatmen oder das Schlucken und ist eine weit bekannte, gefährliche Krankheit und von Feuerschluckern gefürchtet. Die Feuerschluckerkrankheit oder Hydrocarbonpneumonitis führt in vielen Fällen zum Tod – häufig aber zu schweren Lungenentzündungen und zum Vernarben der Lungen.

Fazit:

In keinem Fall ist das Verzehren von Treibstoff bzw. flüssigen Erdölprodukten, die nicht dafür vorgesehen sind (anders als medizinisches Weißöl oder Vaseline in Medikamenten) unschädlich. Es sind schwerste Vergiftungen und später Krebs oder gleich eine lebensgefährliche Erkrankung zu erwarten.
Das beste daran: Es ist völlig unbekannt, ob das Benzin den Würmern überhaupt schadet.

Danke an Thomas Müller, Stefan Schmitt, Tatjana und Ronny für den eingesendeten Mythos!

Ich freue mich sehr auf Rückmeldungen zu den Artikeln (an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), sowie über Anregungen zu weiteren »Survivalmythen«, die ich zur Aufklärung nach neuen wissenschaftlichen Angaben überprüfen und in der Praxis austesten werde.

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