„Der Feueropal steht für die explodierende, ungebremste und ungeordnete Energie eines Vulkanausbruches“ liest man auf einer Internetseite über die „Wirkung“ von Steinen. Steine - diese leblosen, mineralischen, zeitlosen und doch faszinierenden „Dinge“, die uns überall begegnen:

Ob in Form eines Glassteins auf dem echten Diamantring vom Straßenverkäufer, über die mit Steinen vermengten Asphaltbahnen ohne Tempolimit bis hin zu Steinen in der Galle. Überall Steine!
Manche Menschen glauben sogar, dass so ein kompaktes Kristallgitter aus Metallsalzen als „Heilstein“ irgend eine biologische Wirkung auf unseren Körper haben soll. Natürlich haben Steine keine äußere Wirkung auf den Menschen (von der Gravitation zur Erde mal abgesehen, die karatbeschwerte Ohrläppchen von Stars und Sternchen in die Länge ziehen).
Umso bizarrer und bedrohlicher scheint es, wenn Steine tatsächlich zum Leben erwachen.
Sind es die „lebenden Steine“ der Stromatolithen, die Wanderfelsen im Death Valley, oder im Feuer liegende, willkürlich platzende Steine, die „lebensgefährlich wie Granaten explodieren“.

Letzteres hat für Bushcrafter eine recht hohe Relevanz. Keiner möchte Abends am Lagerfeuer sitzen, sein mitgebrachtes Mehlwurmbrötchen mümmeln und plötzlich von so einer „Hinkelsteingranate“ zerrissen werden.
Erzählungen darüber gibt es viele. „Fast jedem Bekannten von mir ist das schon passiert“. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass Steine „explodieren“? Ist das ein neues Phänomen vor dem gewarnt werden muss und was kann man dagegen unternehmen? Gibt es so etwas wie explodierende Steine überhaupt? Müssen wir in Zukunft auf das „Kochen ohne Topf“ oder auf eine sichere Feuerstelleneinfassung aus Steinen verzichten? Fragen über Fragen.

Der Faktencheck

Ein Erklärungsversuch, der schon seit Jahren in Büchern und im Internet umher geistert ist die „ Wasserthese“.
Jeder weiß, dass Wasser eine enorme Sprengkraft erzeugen kann. Die Dampfkesselexplosionen von Triebwagen und Dampfmaschinen waren gefürchtet und meist große Katastrophen mit vielen Toten.

Ein Gramm Wasser erzeugt etwas über eineinhalb Liter Wasserdampf. Wird dieser am Ausdehnen gehindert kann er hohe Drücke erzeugen und auch zu Explosion von geschlossenen Behältnissen führen.
Die „Wasserthese“ besagt: wenn aus einem Fluss entnommene Steine erhitzt werden, führt die Ausdehnung des Wassers zur Explosion.

Wäre das korrekt, würde das besonders problematisch sein. Zum kleinen „Bushcraft-Einmaleins“ gehört nämlich das „Kochen ohne Topf“. Dabei werden Steine im Feuer erhitzt und in einer Grube mit Wasser abgekühlt. Das Wasser nimmt dabei die Wärme auf und beginnt bald zu kochen.
Steine sind jedoch keine Schwämme. Viele Steine können zwar in die äußeren Schichten etwas Wasser aufnehmen (chemisch gebunden als Kristallwasser), bis in den Kern sickert es jedoch selten. Die Argumentation, dass Steine, die lange im Wasser liegen, irgendwann mit Wasser gesättigt wären, ist auch schwer nachvollziehbar. Ebenso lange würden sie nämlich benötigen, um wieder zu trocknen.
Nehmen wir einmal an, Wasser könnte in die feinen Kanäle und Risse des Steins in genügenden Mengen eindringen: Wird der Stein erhitzt, wird er von außen nach innen heiß.
Das Wasser in äußeren Schichten verdampft und gibt damit den Weg für den weiter innen entstehenden Wasserdampf frei. Wasserdampf durchdringt die Gesteinsschichten weit einfacher als flüssiges Wasser. Der Stein müsste schon  mit einer gewaltigen Schneidbrennerflamme erhitzt werden, damit alles Wasser gleichzeitig verdampft.
Ob ein Stein aus dem Fluss bei Hitze durch das eingedrungene Wasser platzt ist einfach zu überprüfen: Eine ähnliche und in natürlicher Umgebung ohne dicht abgeschlossene Wasserkessel und Dampfmaschinen viel stärkere und zerstörerische Kraft ist das Eis.
Ist Wasser im Stein vorhanden, friert es zuerst in den äußeren Schichten und verstopft damit die Kanälchen und Haarrisse, durch die das Wasser eindringen konnte. Wassereis ist zwar nur etwa 10% voluminöser als die selbe Menge flüssigen Wassers, es lässt sich jedoch im Gegensatz zu Dampf so gut wie nicht komprimieren.
Solche „Eissprengungen“ (Teilweise auch „Fettsprengungen“) wurden schon im Altertum zum freilegen tonnenschwerer Felsblöcke eingesetzt. Hierzu mussten jedoch Bohrungen in den Fels angelegt werden.  
Legen Sie versuchsweise einige Flusskiesel in das Gefrierfach. Kein einziger davon wird Ihnen den Kühlschrank zerreißen. Dies wäre auch etwas dämlich – winterliche Spaziergänge am Flussufer würden ein lebensgefährliches Unterfangen sein.

Spannungsbrüche!

Natürlich gibt es auch Steine aus zusammengesetztem Sand und Kieseln, die mit Mineralien „verklebt“ sind. Diese „Sedimentite“ (Bild: a) bzw. Sedimentgesteine wie Sandstein, Schiefer, Kalkplatten und sonstige Konglomerate sind keine „Steine“, wie sie ein normal denkender Mensch zum Erhitzen im Feuer verwenden würde. Diese Steine platzen – obwohl sie oft nie mit Wasser in Berührung waren.
Bei solchen Steinen kann es zu „Spannungsbrüchen“ kommen. Dies hat jedoch nichts mit dem Wasser in den Steinen zu tun.
Ich habe für verschiedene Bushcraft- und Survivaltechniken schon einige tausend Steine „geröstet“ oder zum Glühen gebracht. Mir ist noch nie einer aus dem Feuer entgegen gehüpft.
Dabei waren (viele) Steine aus dem Flussbett (Bild: c), Schotter von der Straße, aus Sedimentit herausgebrochene Einzelsteine (Bild: b), Granit, usw.

Die Berichte von explodierenden oder platzenden Steinen haben immer Gemeinsamkeiten.
Entweder handelte es sich um Sedimentite wie Kalkstein, große Stücke amorpher Verbindungen wie Silex (bzw. Glas), flache Steinplatten (die fast nur bei Sedimentiten vorkommen) oder in Verbindung mit Wasser oder Regen, der nach dem Erhitzen an die Steine geriet.

Wie praktisch alle Materialien (nur für die SI-Fans: mit Ausnahme von Platin-Iridium) dehnen sich auch Steine deutlich aus, wenn sie erhitzt werden. Dabei können Spannungen auftreten, die meist normalerweise bei einem kompakten Stein verteilt werden.
Ist der erhitzte Stein jedoch flach und groß, zusammengesetzt oder amorph, können Spannungen aufgrund unterschiedlicher Ausdehnungskoeffizienten der Materialien oder einer einseitigem erwärmen lokal auftreten und zum Zerreißen des Steins führen. Vor allem Steinplatten über dem Feuer dehnen sich oft erst in der Mitte aus. Die äußeren Ränder können dann bersten.
Zerreißen können Steine auch bei zu schnellem Erhitzen (mit einem Bunsenbrenner) oder zu schnellen Abkühlen (Abschrecken).
Durch das Abschrecken entstehen auch bei kompakten Kieseln fast immer kleine Risse – sie knistern. Dies ist aber weit von einer Explosion entfernt.

Fazit:

Sie können sich vorstellen, dass ein Stein, der einige Tonnen  Druck- und Zugkräfte aushält einen „ordentlichen Schlag lässt“, wenn er zerspringt. Dann und wann können auch ein paar Splitter fliegen oder das Feuer kann „zersprengt“ werden. Was den „Steingranaten“ jedoch immer fehlt, ist die Menge an gespeicherter Energie wie sie in Wasserdruckkesseln oder mit Sprengstoff gefüllten Granaten vorhanden ist.
Wer das zwar laute aber sonst wenig mächtige Platzen von Steinscheiben mit einer echten Granate vergleicht, hat wohl wenig Verständnis von Sprengladungen.
Einen Krater hinterlassen „explodierende Steine“ nur in Wild-West-Büchern.
Wer runde und kompakte Steine erhitzt, muss keine Explosion fürchten. Greift man hingegen auf Steine oder Steinformen zurück, die flach, zusammengesetzt etc. sind, muss sich nicht wundern, wenn der Stein auf die Hitzebehandlung reagiert.

Schieferplatten und Kalkscheiben sind keine Bratpfannen - auch wenn man das im Lustigen Taschenbuch so gelernt hat!

Das Platzen von Steinen ist unabhängig davon, ob sie Wasser enthalten, aus einem Flussbett stammen oder für die „ explodierende, ungebremste und ungeordnete Energie eines Vulkanausbruches“ stehen.
Vielmehr sind rund geschliffene, faustgroße Kiesel aus Flüssen eine recht zuverlässige Steinform zum Erhitzen. Platzt ein Stein dennoch, sollte man seine Steinauswahl überdenken.
Glühend heiße Steinsplitter können einem sicher schon mal entgegen kommen. Sofern sie nicht im Auge landen, sind sie nur lästig, aber keines Falls gefährlich.
Viel häufiger platzen übrigens Harthölzer während beim Verbrennen. Auch hier fliegt oft Glut aus dem Feuer, was ebenso gefährlich ist, wie eventuell fliegende heiße Steinsplitter. Ich habe aber neben unzähligen Warnungen vor den „Hinkelsteingranaten“ noch nie eine Warnung vor frischem Buchenstangenholz gelesen.

Mir ist weltweit noch kein Fall zu Ohren gekommen, bei dem es zu wirklich schwerwiegenden Verletzungen durch platzende Steine im Lagerfeuer gekommen ist. Aber viele erzählen davon, wie gefährlich es sei.

Ein klassisches Missverhältnis zwischen öffentlicher Wahrnehmung und realem Risiko. 

 

Ich freue mich sehr auf Rückmeldungen zu den Artikeln (an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), sowie über Anregungen zu weiteren »Survivalmythen«, die ich zur Aufklärung nach neuen wissenschaftlichen Angaben überprüfen und in der Praxis austesten werde.

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