Beobachtet man die von amerikanischen Produktionsfirmen gemachten Survivalsendungen, muss man sich im Klaren darüber sein, dass es sich dabei um reine Unterhaltung handelt, keines Falls jedoch um eine Dokumentation oder um Filme, aus denen fachliche Fakten gezogen werden sollten.

Disclaimer: Wer gängige Survivalsendungen mit reiner Unterhaltung gleichsetzt, kann hier aufhören zu lesen. Alle anderen, die meinen, da wird die Realität abgebildet, lesen gerne weiter ;) Danke für die Frage bzw. das Aufmerksam machen an: Klaus Schmidt, Stefan, Nicole, Ronny, Michael, Bernd

Unterhaltung funktioniert seit den frühen Theateraufführungen vor rund 2000 Jahren durch das Spiel mit den Emotionen des Zuschauers.

Subversive Ironie, Spannung, Drama, und Trauer können ebenso Faktoren sein, wie Widerwertigkeit, Ekel und Schockeffekte.


Was als Kunstform seine Berechtigung hat und mir jegliche Kritik daran widerstrebt, hat in Dokumentationen wenig zu suchen. Hier geht es um die fachliche, dennoch unterhaltsame Bildung des Zuschauers. Natürlich funktionieren die Filme, die mit einem Budget im Gegenwert einer Frankfurter Einliegerwohnung gedreht werden nur, wenn sie auch angeschaut werden. Aus diesem Grund werden besonders die Elemente Spannung und Abenteuer hervorgehoben. Keine Zuschauer, geringe Quoten, keine Werbekunden – Verlust für den Sender. Deshalb werden viele Sendungen nach einiger Zeit, wenn das Zuschauerinteresse gesunken ist, abgesetzt.

Die Frage ist also, wie man den Zuschauer bei der Stange hält.

Da der Fernsehkonsument durch die allabendlich laufenden Blockbuster an Abenteuer und Spannung so abgesättigt ist, dass es kaum möglich ist, beim Dreh „outdoors“ so viel Spannung zu erzeugen (eine unbekannte Frauenleiche lässt sich schlecht in einer Survivalsendung unterbringen), wird besonders auf den Faktor Ekel (in geringen Teilen auch Erotik http://en.wikipedia.org/wiki/Naked_and_Afraid) gesetzt. Hier postuliere ich zwei Arten von Ekel. Den empathischen Ekel ("wie würde sich das für mich anfühlen: igitt!") und den aversiven Ekel ("Ihhh, das würde ich nie machen"). Zu zweiterem gehören die klassischen "Aufnahmeekel"-Exzesse, die nicht nur Survivalserien zelebrieren, sondern die auch Grundlage von wochenlangen "Dschungelcamps" sind. Dazu gehört natürlich das Essen von ekligen Larven, rohem Fleisch und dergleichen. Mittlerweile ist dieser Ekel aber – pardon – ausgelutscht. Jede bessere Survivalsendung beschäftigt hauptberufliche Würmerlutscher (nichts gegen Entomophagie, aber das Ekelzelebrieren ist unnötig effekthascherisch), der Zuschauer ist – es wird nicht besser – gesättigt. Da den Survivalsendungen als Unterhaltung persé und nur zweitrangig als Lehrsendung aber damit die Zuschauer abtrünnig werden, denn der Nahrungsekel ist nicht mehr alleine Metier von Survivalsendungen, sondern wird medial überall eingesetzt, dreht man die Schraube eine Umdrehung enger.

In den letzten Jahren, in denen die etablierten Unterhaltungs-Survivalsendungen ganz klar ihren Zenit überschritten haben, musste ein neues Moment eingesetzt werden, das den Vojeurismus des Zuschauers bedient. Es kam ein bisschen Erotik (hier kann man ohne Bedenken von Saliromanie sprechen) dazu, vor allem aber der empathische Ekel.

Dieser hat mit allerlei in Schlamm springen zu tun (da dies aber spätestens aus Takeshis Castle in den Neunzigern befriedigt wurde), oder aber mit Exkrementen.

Diese Form ist eine noch neue und damit spannende „Einlage“, die man in den ein oder anderen Film einbringt. Es beginnt mit dem völlig sinnlosen, und regelrecht als Ritual erbrachten Trinken von Urin bis es zum Running-Gag wird und endet mit Darminhalten aller Couleur. Da nachvollziehbar keiner den Survivalhelden in einer nicht nur für ihn hilflosen und entwürdigenden Defäkationsszene in Großaufnahme sehen möchte, wurde in mittlerweile mindestens 3 mir bekannten Szenen das ganze Invertiert: der Einlauf mit allen nur undenkbaren Flüssigkeiten aus scheinbar nachvollziehbaren Gründen, aber tatsächlich bar jeder rationalen Erklärung war bisher Fachbereich der erzieherisch geprägten BDSM, und hat dennoch den Einzug im Survival-TV erhalten.

Ein neues und (aber wohl nur für den ein oder anderen uninformierten Zuschauer) scheinbares Tabu wurde aufgebohrt. Nun dürfen wir Bear Grylls (4.2), Mykel von Meine Frau, die Wildnis und ich („Bermudadreieck“, hier von seiner Frau verpasst) und leider auch das ein oder andere Youtublet bei wenngleich auch verpixelten dennoch eindeutigen Einlauf-Spielchen zusehen – und ich bekomme dutzende Zuschriften und Fragen hierzu, weshalb ich dieses Thema ein für alle mal versuche zu beschließen.

Der Mythos:

Ist man unterwegs und das Wasser geht einem aus, ist man darauf angewiesen, Flüssigkeit in Form von Getränken in den Körper zu bekommen. Die Problematik, die sich fast einer Milliarde Mensche weltweit stellt: Trinkwasser muss zum menschlichen Verzehr geeignet sein. Hier spielen vor allem Salinität, also Salzgehalt, sowie die Verunreinigung mit Keimen die größte Rolle (in diesem Zusammenhang fallen Chemikalien tatsächlich kaum ins Gewicht). Trinkt man beim Verdursten Salzwasser, entwässert der Körper durch osmotische Vorgänge – ein schneller und qualvoller Tod. Nimmt man mit dem verunreinigten Wasser Keime wie Viren und Bakterien auf, ist das Ergebnis Vergiftungen mit Bakterientoxinen, Infektionen, daraus folgend Dehydration und Tod.

Nun wissen wir ja, dass alles was der Mensch in den Mund nimmt (zumindest meistens), praktisch keimfrei zu sein hat. Speisen sind gut gekühlt, Hände des Kochs gewaschen, Wasser aus der verschweißten Plastikflasche.

Dagegen weiß jedes Kind, dass das andere Ende des Verdauungstubus schmutzig, pfui, verkeimt und sowieso irgendwie gefährlich ist. Was ist da sinnvoller, als Flüssigkeiten, die sich aufgrund der oben genannten Faktoren als Trinkwasser nicht eignen, in die sowieso verkeimte Körperöffnung abzufüllen – Keime sind da sowieso. Können wir auf diese Weise Schmutz- und Salzwasser zu uns führen, die nicht trinkbar wären?

Als Biologe ist meine Standardantwort auf diese Frage: „Wenn die Evolution gewollt hätte, dass wir durch den Schließmuskel trinken, wären wir mit einem Röhrchen im Hintern geboren worden.“

Der Faktencheck

Um zu Verstehen, wie Stoffe, also Nahrung und Flüssigkeit in unseren Körper geraten, müssen wir uns einfach nur das Verdauungssystem anschauen. Über den Schlund kommen Speiß und Trank (oder Würmer und Birkensaft) in den Magen. Auf dem Weg dorthin ist unsere Speißeröhre ausgekleidet mit dichter Schleimhaut, die von Immunzellen und Lymphknoten so durchsetzt ist wie ein Kettenhemd.

Der Magen selbst ist ein aggressives Säurebad, das hilft Proteine zu denaturieren – Verdauungsenzyme wie Pepsin zerkleinern Proteine außerdem zu Aminosäuren. Allerdings wird im Dünndarm der saure pH ins alkalische gekehrt, die Peptidase Trypsin hat hier ihr Wirkungsoptimum. Sie und diverse Gallsalze und andere Enzyme wären ohne Schwierigkeiten in der Lage, die Nahrung einigeremaßen zu zerkleinern (deshalb sind Menschen nach einer Magenentfernung auch lebensfähig – wenn auch mit Einbußen der Lebensqualität).

Es hat aber einen Grund, warum die Evolution sich den Magen nicht auf dauer gespart hat – im Säurebad werden neben Nahrungsproteinen auch Hüllproteine von Bakterien, Viren und anderen Krankheitserregern zerstört. Aus diesem Grund ist der dem Magen folgenden Dünndarm praktisch keimfrei – wenn auch nicht steril. In diesen Darmbereichen werden Nahrungsbestandteile aufgenommen. Je weiter der Darminhalt (Chymus) wandert, desto kleiner, flüssiger und Nährstoffarmer wird er – nichtverdauliche Bestandteile werden ab dem Übergang zum Dickdarm von Mikroorganismen – Fäkalkeimen – zersetzt. Im Dickdarm, der seinen Namen nicht vom Umfang sondern von seiner Funktion „Eindicken“ hat, wird dem Chymus/Fäzes das restliche Wasser entzogen.

Bis die vollständige Wasseraufnahme erfolgt ist (ein Teil wird schon im Magen und Dünndarm aufgenommen), hat der Chymus aber ein Wechselbad der verschiedenen pH, Enzyme und dergleichen durchgemacht und ist so im Darm zur Aufnahme „aufbereitet“ worden. Tatsächlich ist die Fäkalflora nicht ein bunt zusammengewürfelter Keimhaufen, sondern eine ziemlich präzise abgestimmte und empfindliche sowie essentielle Organismenmixtur, die dort – und nur dort – ihre korrekte Funktion hat. Ebenso wie in den Darm keine beliebigen Keime eingebracht werden sollten, möchte man auch keine Fäkalflora im Mund haben – alles eine Frage des richtigen Ortes.

Nimmt man nun den Bypass und lässt den Magen bei der Wasseraufnahme aus und versucht entgegen der Hauptverkehrsrichtung Wasser in den Körper zu bringen, hat das verschiedene sehr gefährliche Effekte:

Ersteinmal werden Keime völlig unbehandelt – da nicht auf dem Säureweg – in die Darmflora eingebracht. Die Mucosa reagiert empfindlich auf Angreifer – mit Durchfall und im Zweifel mit einer ernsthaften Infektion – die Bakterien können sich dauerhaft (chronisch) festsetzen. Viren wie im Wasser vorhandene Hepatitisviren können durch die Schleimhaut einfach in den Körper geraten. Bei einer Okkupation des unteren Darmabschnittes bzw. Rektums kommt es zu einem weiteren Effekt: Bakterientoxine werden nun nicht mehr nach der Aufnahme durch die Leber geleitet, sondern marschieren direkt in den Blutkreislauf. Dass Stoffe über den Magen erst durch die Leber gehen, wird First-Pass-Effekt genannt. Dieses Prinzip ist gut untersucht und wird bei Gabe von Prodrugs bzw. beim Einstellen der Wirkdoses auch genutzt. Sollen Stoffe schnell unreduziert ins Blut, werden sie deshalb oft rektal appliziert.

Eine Infektion mit einem Keim bei verschmutztem Wasser ist nach einem Einlauf also deutlich wahrscheinlicher, als beim Trinken. (Der Fairness halber: Manche Erreger, beispielsweise Trichinen, sind nur nach Magenpassage infektiös. Ich habe aber noch nie von bekömmlichen Schweinemett-Zäpfchen gehört, weshalb diese Anmerkung vermutlich im Survivalfall ohne Relevanz ist...)

Besteht keine andere Möglichkeit an Wasser zu kommen, können winzige Schlückchen verteilt über mehrere Stunden helfen, die Keimbelastung gering und die Säurekonzentration im Magen hoch zu halten. Damit ist eine Infektion zumindest mit einigen Keimen geringer wahrscheinlich.

Wie sieht das ganze aber mit Salzwasser aus:

Besteht gegebenenfalls die Möglichkeit, durch einen Einlauf eingebrachtes Salzwasser über den Dickdarm besser zu verarbeiten, als durch den Magen geschleustes, das ebenfalls erst im Dickdarm vollständig resorbiert wird?

Das ist natürlich eine Fangfrage. Da Wasser als Molekül so klein ist, steht und fällt der Wassertransport im Körper generell mit Diffusionsmöglichkeit und bei gerichteter Aufnahme mit einem osmotischen Gradienten. Wasser geht also in Blut über, in dem beispielsweise osmotische Elektrolyte in den Darm oder in die Darmzellen sezerniert werden. Salzwasser hat im Vergleich zu unserer Aufnahmemöglichkeit eine Omolarität jenseits von „Gut und Böse“. Aus diesem Grund entsteht trotz tüchtiger Arbeit der Ionentransporter (keine Raumschiffe, sondern funktionelle Proteine, die den osmotischen Gradienten aufbauen) ein osmotischer Druck in das Darmlumen.

Das Ergebnis ist, dass aus dem Körper durch die Darmwand Wasser gesogen wird, bis es einen osmotischen Ausgleich gibt. Gleichzeitig kann ein Teil des Salzes durch die Darmwand in das Blut geraten. Hierdurch ist ein Salzwasserödem die Folge – Sitchwörter Hypertone Dehydration und Osmotische Diurese, einfacher ausgedrückt: schneller Exitus. Wer schon Salzwasser beim Verdursten in sich bringt, mag es wenigstens trinken, um die letzte Befriedigung des Trinkens zu erleben. Vor allem erspart man sich das unwürdige Foto der Auffindesituation mit entblößtem Hintern.

Fazit:

Was lässt sich insgesamt über das mediale Phänomen des Survivaleinlaufs sagen?

Wer sich die Sendung aufgrund persönlichen Interesses an der Rektalerotik von Bear Grylls anschauen möchte – geschenkt. Ein verlässlicher Tipp zum Überleben ist das aber nicht.

Ich freue mich sehr auf Rückmeldungen zu den Artikeln (an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), sowie über Anregungen zu weiteren »Survivalmythen«, die ich zur Aufklärung nach neuen wissenschaftlichen Angaben überprüfen und in der Praxis austesten werde.

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