Für jede Gegebenheit, die wir Menschen meinen erklärt zu haben, gibt es eine eigene Wahrheit, deren Gültigkeit im Vergleich zur »etablierten« Meinung tatsächlich jedoch sehr eingeschränkt gültig ist. Stellen Sie sich mal vor, sie möchten ein elektronisches Navigationsgerät kaufen, und erkundigen sich über dessen Zuverlässigkeit und Ausstattung im Internet.

Statt sinnvolle Informationen zu erhalten, wird es nur kurze Zeit dauern, bis Ihnen mehrfach dargelegt wird, dass das Gerät nicht funktionieren kann(!). Einzelne Komponenten würden nämlich ab 140° Celsius nicht mehr funktionieren. Sollten Sie also mal auf einem Lavasee mit dem Kanu unterwegs sein, wäre eine Positionsbestimmung unmöglich. Das stimmt vielleicht sogar, ist aber in der »normalen« Praxis völlig irrelevant und hilft wenig weiter.

Hört sich konstruiert an? Dann fragen Sie mal in der »Survivalszene« nach, wie Wildkaninchen für den Verzehr vorbereitet werden müssen. Sie werden bestimmt nicht erfahren, wie ein solches Tier aufgebrochen wird und wie Leber (scharfrandig, glänzend, dunkelrot, frei von Marmorierung und weißen oder gelben Abszessen) oder Milz des Tieres aussehen sein muss (wurmartig, rosarot, max. streicholzschachtellang, kleinfingerdick), jedoch werden Sie lernen, dass man durch den Verzehr von Kaninchenfleisch verhungern kann!

»Isst du Kaninchen, verbraucht der Körper zum Verdauen mehr Energie, als er erzeugen kann – man stirbt schneller, als man essen kann!«.

Durchatmen.

Ich möchte hier nicht ausbreiten, in wie vielen hundert Mails und Zuschriften ich genau darauf aufmerksam gemacht wurde, aber es reicht absolut aus, ein wenig an der Selbstständigkeit mancher »Internetbenutzer« zu zweifeln. Also hoffe ich, das ein für alle mal hier zu klären.

Der Faktencheck

Wie so häufig hat eine solche Legende irgendwo einen wahren Kern.

In den vergangenen Jahrhunderten sind tausende von Menschen auf Expeditionen verstorben. Die technisch aufwendigen und trotzdem archaischen Versuche, mit Pferden und Holzschlitten Nord- oder Südpol zu erreichen oder mit aus heutiger Sicht fragilen Nussschalen eine schiffbare Nord-West-Passage zu erkunden hat nicht nur berühmte Opfer wie Scott und Franklin gefordert. Vielmehr starben schon unterwegs unzählige mittlerweile vergessene Expeditionsteilnehmer buchstäblich wie die Fliegen. Die Reisen waren nicht selten auf mehrere Jahre ausgelegt. Aufgrund unausgereifter Technik musste bei schlechter Witterung teils Monate an einer Stelle ausgeharrt werden. Oft endeten solche Unternehmungen auch in einem Schiffbruch an einer damals noch unbewohnten Küste. Bis Hilfe unterwegs war, konnte es durchaus 2-3 Jahre dauern.

Eine dieser Katastrophen ereignete sich im Jahre 1883 im Zuge einer Expedition des amerikanischen Polarforschers Adolphus Greely. Die mehrjährige Reise des Abenteurers mit weiteren 24 Expeditionsteilnehmern war von Proviant abhängig, der durch Versorgungsschiffe regelmäßig gebracht wurde. Als in zwei aufeinander folgenden Jahren diese Versorgungsschiffe Greely nicht erreichten und die Notlager nicht aufgefüllt worden waren, kam es zwangsläufig zum GAU. Greely musste praktisch ohne Proviant in der Baffin Bay überwintern. Es war kaum verwunderlich, dass die Gruppe innerhalb weniger Monate so stark dezimiert war, dass im Frühsommer 1884 nur noch 6 Personen lebend geborgen werden konnten.

Im Nachhinein wurde von Vilhjálmur Stefánsson, einem Polarforscher, der die Greely-Expedition rekapitulierte, ohne sichere Hinweise die »Rabbit-Starvation«, also der Verzehr von fettfreiem Fleisch für den Tod vieler verantwortlich gemacht.

Um das Verhungern einmal etwas »objektiver« zu berschreiben, müssen wir einen kleinen Abstecher in die Ernährungslehre machen. Ein Mensch kann nicht nur verhungern, wenn er überhaupt nichts zu sich nimmt, sondern auch, wenn er sich mangelernährt.

Ausgeglichene Ernährung besteht (vereinfacht) aus drei Hauptkomponenten: Kohlenhydrate, Fett und Proteine (ja, natürlich auch aus Ballaststoffen, Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen).

Der durchschnittliche Tagesbedarf liegt etwa bei:

350g Kohlenhydrate (a), 70g Fett (b), 50g Protein(c), was in etwa 10.000kJ entsprechen. Schwer arbeitende Menschen können bis 12.500 kJ benötigen.

Fällt eines der drei Hauptkomponenten der Nahrung weg, sprechen wir schon von einer Mangeldiät. Nun ist unser Körper jedoch darauf ausgelegt, durchaus einige Zeit mit einem Mangel auszukommen. Er hat ordentliche Speicher an Eigenfett, Glycogen und Muskelprotein, das zu Energie umgebaut werden kann.

Fehlendes Fett kann jedoch auch beispielsweise über die Lipogenese aus Kohlenhydraten aufgebaut werden (deshalb macht Zucker auch übergewichtig). Andererseits reagiert der Körper einigermaßen sensibel, wenn er keinerlei Kohlenhydrate zu sich nimmt.

Diese Ernährungsform aus Fett und Eiweiß wurde vom amerikanischen Arzt Robert Atkins als Diät vorgeschlagen. Diese (ganz klar als solche zu bezeichnende) Mangelernährung oder »ketogene« Ernährung ist alles andere als gesund. Um die notwendigen Kohlenhydrate zu bilden (Hirn und Muskeln funktionieren beispielsweise nur mit Zucker), wird aus Fett Ketokörper und Zucker gebildet. Der Ketokörper wirkt nicht nur zellschädigend, sondern führt auch zu einer Übersäuerung des Bluts (Ketoacidose) mit hinreichend schädlicher Wirkung.

Ernährt man sich nun ausschließlich von Protein, ist es für den Körper kaum möglich alle benötigten Stoffe zu bilden - der Organismus verhungert (was aber bei Proteinzufuhr einige Monate dauert).

Kaninchenfleisch enthält praktisch kein Fett ( nur 2-3%). Man müsste also unsäglich große Mengen vom Fleisch aufnehmen, um an seine 70g »Tagesfett« zu gelangen. Soweit scheint das Verhungern vom Verzehr von Kaninchenfleisch wissenschaftlich gedeckt zu sein. Oder doch nicht?

Bei dieser Berechnung stimmt einiges nicht.

Beginnen wir mit der Ernährung: Es ist mit wenigen Ausnahmen (Überwinterung in der Polarregion – geschenkt) seltenst möglich, größere Mengen tierische Eiweiße zu erreichen, als pflanzliche Kohlenhydrate und Öle. Jeder der sich draußen in gemäßigten, tropischen oder ariden Gebieten schon selbst versorgt hat, weiß das. Vielmehr ist Protein der »Mangelfaktor« in der Notfallernährung, den es auszugleichen gilt.

Aber nehmen wir mal an, Sie seien (aus welchen Gründen auch immer) nur in der Lage Kaninchen zu erlegen, keine Pflanzen zu sammeln und auch keine anderen Tiere.

Dann kommen Sie nicht an genügend Fett. Korrekt? Falsch. Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung sind nämlich ziemlich alle Wildtiere mit einem ordentlichen Fettspeicher ausgerüstet. Dieses Fett liegt jedoch nicht im Fleisch, sondern in der Subcutis, also dem Unterhautgewebe, in der Bauchhöhle, am Darm und an den Nieren, sowie in Markknochen, im Rückenmark und Gehirn (ca. 10%).

Erlegte Wildtiere, die dagegen keine Fettreserven unter der Haut oder in der Bauchhöhle haben, gelten als »abgekommen« (jägerdeutsch), also zu mager. Das weißt auf eine schwere Krankheit oder auf das Verhungern des Tieres hin. Solche Tiere sind aufgrund der Infektionsgefahr mit Zoonosen (beispielsweise Tollwut oder Tularämie) als Nahrung zu verwerfen!

Wer sich in einem Notfall wirklich keine andere pflanzliche Beinahrung besorgen können sollte, wird wohl kaum nur die zarten Keulen des Kaninchens verarbeiten, sondern das Fettgewebe von Fell und Organen abkratzen und Hirn, Rückenmark und Fettmark der Knochen zu sich nehmen.

Rechnet man dieses Fett zusammen kann man je Kaninchen auf einen Fettgehalt von 20-30 Gramm und mehr kommen. Dies ist zwar noch nicht der absolute (berechnete) Tagesbedarf eines Erwachsenen, zögerte aber ein Verhungern auf viele, viele Monate heraus – bis Sie an Skorbut (Vitamin C Mangel) stürben.

Fazit:

Das Verhungern durch Kaninchenfleisch ist eine Mär, die ihr Fünkchen Wahrheit besitzt, jedoch nur in sehr realitätsfernen Szenarien wirklich gültig wäre. Es gibt keine medizinisch gesicherten Berichte der »Rabbit-Starvation«. Vielmehr hat sich Stefánsson in einem späteren Selbstversuch ohne größere Schwierigkeiten ein Jahr lang ausschließlich von tierischem Eiweiß und Fett ernährt. Nicht zuletzt meinen Millionen von Diätwilligen gesund abzunehmen, indem Sie fettige Burger und Schnitzel essen – und auf das Brötchen und die Cola verzichten – das ist auf Dauer nicht gesund, aber auch nicht tödlich.

Und diese beiden Nährstoffe (Fett und Eiweiß) finden sich in Kaninchen – nicht jedoch in magerem Kaninchenfleisch.

Auf die Bemerkung »von Kaninchenfleisch verhungert man« kann in Zukunft verzichtet werden. Wichtiger wäre die realistischere Warnung vor einer sehr viel häufigeren Fehlernährung:

»Von Wasser kann man verhungern, weil darin kein Fett enthalten ist12345«

1Viel schneller tödlich als die Rabbit-Starvation.

2Unter der Annahme, dass Sie neben dem Wasser keine anderen Nahrungsmittel zu sich nehmen.

3Auch von Mineralwasser und zuckerfreien Softdrinks.

4 Gilt nicht für Rinder- oder Hühnerbrühe.

5 Gilt auch nicht, wenn das Wasser vorher zu Wein verwandelt wurde.

 

 

 

Ich freue mich sehr auf Rückmeldungen zu den Artikeln (an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), sowie über Anregungen zu weiteren »Survivalmythen«, die ich zur Aufklärung nach neuen wissenschaftlichen Angaben überprüfen und in der Praxis austesten werde.

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