Die Küsten der Erde wären ideale Orte zum Survivaltraining oder um dort im Notfall über längere Zeit zu leben. Hier locken nicht nur Sonne, Strände und das Meer zur Abkühlung, sondern auch Seetang, Fische, Krebse, Muscheln und Schnecken: die ideale Notfallnahrung. Gäbe es da nicht das Problem des Trinkwassers. Das Wasser aller Meere ist zu salzig um es zu trinken.

Selbst mineralienarme Gewässer wie die Ostsee enthalten noch zu viel Salz, um alleine hieraus Trinkwasser zu entnehmen. Wasser von Atlantik, Pazifik oder Mittelmeer sind sowieso weit zu salzig, um es zu trinken.

Glücklicherweise haben wir aus diversen Büchern und Filmen gelernt, dass es gar nicht so schwer ist, am Strand an Süßwasser zu kommen.

Gräbt man in einigen Metern vom Strand entfernt ein Loch bis unter die Seewasserlinie, sammelt sich hier Salzwasser, das durch die Sandschichten des Strands gesickert ist. Schon wenige Meter vom Strand entfernt ist das Wasser schon etwas weniger salzig. Läuft man noch weiter in das Landesinnere, befindet sich immer weniger Salz im Sandbrunnen.

Einige hundert Meter von der Küstenlinie entfernt – so die Theorie – findet man nun reines Süßwasser.

Die Erklärung scheint einfach: Ähnlich wie Oberflächenwasser durch das Versickern im Boden von Krankheitserregern gereinigt wird (Grundwasser ist in aller Regel weit sauberer als Flusswasser), entzieht der Sand als Filter dem Meerwasser Salz.

So einfach lässt sich also das Trinkwasserproblem der afrikanischen Küste lösen. Denn Sandstrand hat Namibia beispielsweise genügend. Ab sofort benötigen wir keine aufwendigen, energiefressenden Entsalzungsanlagen mehr – eine Brunnenbohrung in einem Kilometer vom Strand entfernt reicht aus, um tausende Menschen mit Trinkwasser zu versorgen.

Der Faktencheck

Dass das leider so nicht funktioniert, kann man sich schon fast denken. Obwohl es immer wieder behauptet wird, geht die Rechnung nicht auf.

Um das Wunder einmal nüchtern zu betrachten, analysieren wir kurz das Meerwasser.

Was für uns schädlich ist, ist das Übermaß an Natriumchlorid beziehungsweise Kochsalz, das in Wasser gelöst in die Ionen Na+ und Cl- disoziiert. Wenn Sie also einen Löffel Kochsalz in ein Wasserglas geben, zerfallen die Salzkristalle in ihre chemischen Bestandteile und lösen sich im Wasser auf. Nehmen wir nun einmal an, Sand wäre tatsächlich in der Lage, Salz zu »filtern«, dann würden die gelösten Ionen entweder durch Ionentausch oder sonstige Mechanismen (etwa Umkehrosmose) aus dem Wasser gezogen. Siliciumoxid, der Hauptbestandteil von Sand ist jedoch chemisch sehr stabil und kann das in dieser Weise nicht. Mit Ton oder Lehm würde der Ionentausch in gewissem Maße – jedoch nicht mit Kochsalz – funktionieren.

Über zehntausend Jahre würde Wasser durch diesen »Filter« entsalzt und in das Landesinnere strömen. Die Sonne auf dem Sand erzeugt eine starke Verdunstung. Somit wird ständig Wasser durch den Sand gezogen, verdunstet und neues fließt nach. (Legen Sie am Strand einfach mal eine Plastikfolie auf den Sand, Sie werden schnell sehen, wie viel Flüssigkeit durch den Sand verloren geht und an der Folie kondensiert) Selbst wenn die Entsalzung durch den Sand funktionieren würde, wäre der »Filter« irgendwann abgesättigt und wäre inaktiviert. Am Sandstrand hätten wir damit nicht mehr die normalen Sandkörner, sondern eine chemisch abgeänderte Substanz, die Salzionen fest bindet und nicht mehr an das Wasser abgibt.

Leider ist genau das Gegenteil der Fall. Der Sand nimmt keine Ionen auf (er wäre durch die jahrelange Lagerung im Seewasser sowieso schon abgesättigt, bevor er an den Strand kommt). Vielmehr konzentriert sich im Wasser am Strand der Salzgehalt auf, bis es gesättigt ist und Salzkristalle ausfallen, nachdem das Wasser in den oberen Sandschichten verdampft ist. Da wir wissen, dass sich Materie nicht ohne sich »sehr stark bemerkbar zu machen in Nichts auflösen kann (Umwandlung in Energie)«, bleibt das Salz im Sand.

Woher kommen dennoch die Berichte, dass das Wasser im Strand weniger salzig ist, als im Meer? Diese Versuche wurden vermutlich nicht an einem weitläufigen Strand gemacht, sondern in Buchten oder an lokal begrenzten Stränden. Jene Strände entstehen genau dort, wo die Umgebung aus einem Tal oder Berghang in das Meer übergeht. Auch in sehr trockenen Gebieten sammelt sich dort über Jahrzehnte das Grundwasser und fließt in Richtung Meer. An vielen Stellen felsiger Küsten kann man beim Tauchen oder Schnorcheln diese unterirdischen Einflüsse durch Schlieren im Meerwasser erkennen.

Süßwasser hat eine geringere Dichte als Salzwasser. Deshalb vermischen diese Lösungen sich nicht einfach, sondern der unterirdische Fluss fließt über dem ins Landesinnere sickernde Salzwasser zum Strand.

Deshalb kann eine Grabung im Sand bis auf den Meerwasserpegel als Ergebnis haben, dass das Wasser weniger salzig scheint. Wenn man jedoch bedenkt, dass dieses Wasser ursprünglich Süßwasser war und erst durch Sandkontakt mit Salz versetzt wurde, ist diese Betrachtung eher deprimierend.

Fazit:

Wenn Sie an einem Strand die Umgebung beobachten, sollten Sie auf Bergeinschnitte, Täler oder Buchten achten. An dieser Stelle ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass Sie einen unterirdischen Wasserstrom zum Meer finden. Graben Sie nun in den Sand und entdecken Wasser, das im Vergleich zum Meer weniger salzig ist, weißt das darauf hin, dass Sie weiter im Landesinneren Süßwasser finden bzw. dort einen Brunnen graben können. Salzwasser kann durch den Sandstrand jedoch nicht vom Salz gereinigt werden. An einer flachen Küste nach Süßwasser zu graben wird keinen Erfolg haben und im Gegenteil Ihren eigenen Wasserverbrauch unnötig steigern.

Außerdem ist zu beachten, dass im Landesinneren das Süßwasser weit tiefer als am Strand liegt, da es dort nicht vom in den Sand strömenden Meerwasser angehoben wird.

 

Ich freue mich sehr auf Rückmeldungen zu den Artikeln (an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), sowie über Anregungen zu weiteren »Survivalmythen«, die ich zur Aufklärung nach neuen wissenschaftlichen Angaben überprüfen und in der Praxis austesten werde.

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