Bushcrafter und Waldläufer, die regelmäßig ohne Zelt und Schlafsack draußen übernachten, wissen, dass es eigentlich nur zwei Möglichkeiten gibt, um eine kalte Nacht unbeschadet zu überstehen. Entweder wird eine winddichte, isolierende und wärmende Unterkunft gebaut, die in der Lage ist, die abstrahlende Wärme des Körpers zu halten, oder man schläft am Feuer, das von außen wärmt.

Der Bau einer Notunterkunft, die warm genug für Temperaturen um den Gefrierpunkt ist, dauert jedoch durchaus einige Stunden und ist in der Abenddämmerung und mit begrenzten Ressourcen wie trockenem Laub nicht ganz so einfach zu bauen. Also ist das Schlafen am Feuer eine sehr praktikable Möglichkeit.

Die Nacht am Feuer ist jedoch alles andere als gemütlich. Innerhalb kurzer Zeit brennt aufgelegtes Holz herunter. Im besten Fall alle paar Stunden, schlechtestenfalls jede Viertelstunde muss neues Holz auf die Glut gelegt werden. An erholsame Ruhe mit Tiefschlafphase ist hier meist nicht zu denken. Doch Rettung ist auf dem Weg! Das »selbstnachlegende Feuer« hilft, die Nacht durchzuschlafen, ohne aufstehen zu müssen.

Hierzu wird ein Gestell aufgebaut, das aus zwei schräg an Stützpfeilern aufgelegten Balken besteht. Hierauf wird das für die Nacht benötigte Brennholz – idealerweise runde, dreiviertel Meter lange Stämme mit gesägten Enden – aufgelegt. Am Fuß dieser geladenen Kippe wird nun ein Feuer entzündet.

Das Feuer entzündet das unterste Holz und verbrennt es. Nachdem der erste Scheit oder Stamm abgebrannt ist, rutscht der Schwerkraft folgend von der Kippe neues Brennmaterial auf das Feuer. So wird nach dem Aufreihen des Holzes auf dem Gestell sukzessive der gesamte Holzstapel abgebrannt, ohne dass Sie nachts aufstehen müssen.

Der Faktencheck

An dieser Technik bin wohl nicht nur ich in jungen Jahren verzweifelt. Man findet im Internet dutzende Anfragen, wie diese Technik anzuwenden sei. Das automatische Feuer scheint eines der verbreitesten Survivalmythen zu sein. Beim Entzünden der untersten Holzstücke verbrennen diese zentral und keinesfalls gleichmäßig. Hierdurch bleiben immer die unverbrannten Enden vorhanden, die das Aufrutschen der neuen Stämme auf das Feuer verhindert. Hierzu müsste genügend Kraft vorhanden sein, die den neuen Stamm vordrücken und die Holzreste vom Rand des Feuers wegrücken. Dies lässt sich nur bewerkstelligen, wenn der Anstellwinkel der Kippe höher ist. Dabei tritt jedoch das Problem auf, dass der Termik folgend die Flammen dem Holz nach oben folgen und der Stapel in kurzer Zeit lodernd in Flammen steht.

Wie man es dreht und wendet – es funktioniert nicht. Ist der Winkel zu hoch, brennt alles Holz zu Beginn ab, ist der Winkel niedrig genug, ist die Reibung auf dem Gestell zu hoch, um das restliche Holz auf das Feuer zu schieben.

Der Ursprung des Mythos ist nicht schwer zu finden. Rüdiger Nehberg beschreibt diese Technik in verschiedenen seiner frühen Bücher. Seitdem wird diese Anleitung ungetestet (und ungefragt) als klassische Methode in diversen Foren, aber auch Magazinen und Büchern weiterverbreitet.

Tatsächlich basiert diese Technik auf einem Missverständnis beziehungsweise einer Ungenauigkeit in der Beschreibung. Vor einigen Jahren fragte ich Rüdiger, was seiner Meinung das Problem der Technik sei, dass sie von niemandem erfolgreich angewandt werden konnte. Seine Antwort war:

»Lieber Joe, ich habe diese Technik vor vielen Jahren in Kanada bei Trappern gesehen. Sie übernachteten in Schlafsäcken am Feuer und hatten lange Eisenstangen mit Haken am Ende. Mit ihnen zogen sie das neue Holz von diesem Stapel herunter in das Feuer. Der Vorteil lag darin, dass frische Holzscheite aufgelegt werden konnten, ohne dass sich die Trapper aus dem Schlafsack schälen mussten. Von alleine rutschen die Scheite nicht in das Feuer.«

 

Fazit:

Dieser Survival-Mythos hat seinen Ursprung in einer Ungenauigkeit der Erstbeschreibung. Die Technik hat ihre Rechtfertigung, wenn sie korrekt angewandt wird und nicht erwartet wird, dass das Feuer ohne unser eigenes Zutun weiter brennt. Hierzu hat sich der Anstellwinkel von unter 45° als brauchbar erwiesen.

Leider haben sehr viele Autoren diese Technik wie so oft unreflektiert übernommen, ohne die Quelle zu nennen, den Erstbeschreiber dazu befragt oder die Technik selbst einmal ausprobiert zu haben.
Nach einem brennenden Feuer sollte generell regelmäßig geschaut werden – natürlich auch nachts.

Wie ein guter Freund von mit zu sagen pflegt: Feuer ist wie eine hübsche Frau, kümmert man sich nicht richtig darum, ist es weg, oder man verliert die Kontrolle.

 

Ich freue mich sehr auf Rückmeldungen zu den Artikeln (an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), sowie über Anregungen zu weiteren »Survivalmythen«, die ich zur Aufklärung nach neuen wissenschaftlichen Angaben überprüfen und in der Praxis austesten werde.

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