Dennoch näherte er sich grunzend den einzelnen, am Boden ausgestreuten Maiskörnern bis zwischen zwei größere Stämme. Im selben Moment spürte er wie etwas sein Bein streifte.

Ein Knacken und das reibende Geräusch eines fliehenden Seils ließ ihn im Schritt verharren.

Er merkte nicht mehr den Aufschlag des Baumstamms auf seinem Nacken. Im nächsten Moment lag er ausgestreckt am Boden.

Ein Schatten löste sich nur wenige Meter weiter aus dem Gebüsch. Neben dem Kadaver knieend begann der Survivalexperte mit dem Zerteilen des Tieres.

Diese abenteuerliche Vorstellung muss wohl dem ein oder anderen Survivallexikonverfasser, Outdoorratgeberschreiber oder besser »-abschreiber« durch den Kopf gegangen sein, als er die Anleitungen für Großtierfallen in Skizze und Wort auf Papier brachte.

Man findet die Anleitungen für Großwildfallen mittlerweile überall. Leider – besser gesagt glücklicherweise – wurden vermutlich diese Fallen nie an einem Tier getestet.

Würmer und Ratten sind »out« – fangen wir im Survivalnotfall einfach »Großwild« wie Bären, Schweine und Rehe.

So nachvollziehbar dieses Begehren zunächst scheinen mag, mangelt es schlicht und einfach an der Möglichkeit, dies zu tun – es ist in der Praxis schlicht nicht möglich mit improvisierten Schlagfallen Tiere über der Größe eines Fuchses oder Dachses zu fangen.

Der Faktencheck

Um dies nachvollziehen zu können, muss man erst einmal ein Wenig über das Töten von Wildtieren in Erfahrung bringen. Bei Großwild (ich meine hier ausnahmsweise nicht Nilpferd und Kaffernbüffel, sondern einheimisches »Schalenwild« wie Reh und Schwein) sollte man sich erst einmal das Verhalten sowie die Resistenz gegen Tötungsversuche in Erinnerung rufen.

Wildtiere besitzen ein ausgeprägtes Fluchtverhalten, ausgezeichnete Sinne wie Geruch und Gehör. Im Gegensatz zu kleinen Nahrungs-»Opportunisten«, die sich gerne an Mülleimern und Reiseproviant bedienen, haben Tiere dieser Größe meist ein größeres Streifgebiet und fressen an verschiedenen Orten, bleiben jedoch innerhalb ihres »Reviers«. Damit ein Tier regelmäßig an eine bestimmte Stelle kommt, muss es dort auch regelmäßig Nahrung finden. In Zeiten, in denen es in der Natur genügend zu Fressen gibt, lassen sich Wildtiere kaum locken – in Notzeiten wie im Winter oder bei extremer Dürre sieht das anders aus. Filmische und effekthascherische Darstellungen vom erfolgreichen Anlocken und händischen Fang von Wildschweinen durch Survival- und »totale TV«-Experten sind getrost in das Reich der Legenden zu verbannen – diese Aufnahmen sind mit zahmen Tieren (vermutlich im Wildpark) entstanden. Schweine, die sich so anlocken ließen, dürften wegen des »untypisches Verhaltens« nicht mehr verzehrt werden – Tollwut müsste vermutet werden.

Doch postulieren wir einmal, dass es möglich sei, ein Tier an eine bestimmte Stelle zu locken. Wie sollte es nun getötet werden können? Nun gibt es natürlich einige »Rambos«, die ihr »Expeditionsmesser« an ein Haselholz knoten, in der festen Ansicht, damit ein Wildtier erspießen zu können. Hier wird auf die Jagd mit »Saufedern« verwiesen. Saufedern sind jedoch als Spieß in aller Regel zum »Abfangen« von angeschossenen oder durch Hunde festgehaltene (»gebundene«) Tiere verwendet worden und werden auch heute noch so eingesetzt. Das Jagen alleine mit einem solchen »Ger« war schon immer eine sehr gefährliche Mutprobe – von erfahrenen Jägern. Ein extremes und im Survivalnotfall vermeidbares Risiko – denn selbst der Versuch ein einjähriges Reh mit der Hand »abzufangen« kann in schweren Verletzungen enden – ggf. auch mit dem Tod.

Bleibt also die Schlagfalle. Wie groß bzw. stark muss eine solche Falle jedoch sein?

Um einen Anhaltspunkt dafür zu bekommen, betrachten wir einmal die Energie und die Wirkung einer Jagdpatrone. Das oben abgebildete Kaliber 30.06 hat nach 50 Metern Schussentfernung etwa 3500 Joule. 3500 Joule ist in etwa die Energie, die frei wird, wenn 350 Kilogramm von einem Meter Höhe auf den Wildkörper fallen. Da es kaum möglich ist, dieses Gewicht mit »Multitool und Rucksackgurt« anzuheben ist es realistischer, 35 kg von 10 Metern Höhe fallen zu lassen – was immer noch recht aufwändig wäre.

Diese Energie wird bei einem Schuss möglichst vollständig in den Wildkörper abgegeben, indem die Kammer getroffen wird – Lunge und Herz. Dabei ist je nach Tier die Fläche von einer CD-Rom zu treffen. Erleidet das Tier einen Bauchschuss, kann es sein, dass es noch zig Kilometer läuft, bis es verendet. In einem Notfall muss das Tier jedoch sofort tot sein. Eine Flucht von nur 50 Metern in ein Gebüsch kann dazu führen, dass es ohne Jagdhund nicht mehr gefunden wird.

Also müsste das Tier beim Auslösen der Falle an einer bestimmten Stelle stehen bleiben und warten, bis das Gewicht nach unten gesaust kommt. Um das Tier mit einer angemessene Energie zu treffen, muss es also bei 35 kg aus 10 Metern Höhe die »Freiefallzeit« von etwa 1,5 Sekunden stehen bleiben – hier ist der Geschwindigkeitsverlust durch Seilreibung etc. nicht berücksichtigt.

Das werden jedoch nicht einmal Rehe machen, die dafür bekannt sind, im Schreck kurz zu verhoffen (»stehenbleiben«), wenn sich neben ihnen ein Auslöser in Bewegung setzt.

Selbst falls das Tier getroffen würde, ist es nicht sicher, dass es auch liegen bleibt. Jedes Jahr erleben das mehr als hunderttausend (!) Autofahrer nach einem Wildunfall. Wenn ein Schwein oder Reh frontal mit einem schnell fahrenden Fahrzeug kollidiert, bedeutet das oft, dass der Jäger gerufen werden muss, um das geflüchtete Wild zu finden und von seinen Qualen zu erlösen.

Bleiben noch die Holzspießchen, Messerklingen und Nägel die in Fallgewichte unter der Argumentation der stärkeren Verletzung eingesetzt werden. Die allermeisten Tiere liegen nicht auf dem Rücken, wenn eine Falle ausgelöst wird, sondern stehen auf ihren Läufen. Deshalb stürzt das Fallgewicht entweder auf den Kopf, den Nacken, den Rücken oder die Hüfte. An keiner dieser Stellen gibt es ungeschützt von Knochen lebenswichtige Organe, die verletzt werden würden. Um ein Tier mit einer Klinge abzufangen, also möglichst schnell zu töten, wird von vorne oder von der Seite zwischen den Rippen der Brustkorb beschädigt, um Lunge und große Arterien zu zestören. Dass diese Form von Fallen beispielsweise im Vietnamkrieg gegen Menschen eingesetzt worden ist hatte den Grund der schweren Verletzung bzw. Kampfunfähigkeitmachung und dem Tod durch Infektion.

Übrigens sind Menschen weit empfindlicher gegenüber mechanischen Verletzungen als gleich schwere Wildtiere. Während ein Reh mit 15 Kilogramm Körpergewicht Aufprall auf ein Auto bei 40 km/h noch recht gut verkraftet, sieht das mit 15 Kilogramm schweren Menschen, also Kindern, schon anders aus.

Zu guter letzt bleibt die Frage, was geschieht, wenn ein Tier tatsächlich von einer Falle mit ausreichendem Impuls auf den Kopf getroffen wird. Es wird mitnichten getötet oder festgeklemmt (hierzu werden Gewichte vom Vier- bis Fünffachen des Tiergewichts benötigt), sondern das Wildtier geht »K.O.«. In der Jagd ist dies als »Krellschuss« bekannt.

Nähert sich der »Survivler« dem anscheinend erschlagenen Wildschwein oder Reh, kann es sein, dass es ungeachtet seiner Verletzung im Bruchteil einer Sekunde auf die Beine kommt – eine Situation, die alles andere als lustig oder ungefährlich ist.

Fazit:

Jeder, der solche »Bärenfallen« als funktional proklamiert, ist mir übrigens bisher den Beweis bzw. die Aussage schuldig geblieben, welche Tiere damit getötet worden sein sollen oder werden können.

Anders sieht es mit kleinen Schlagfallen für Reptilien, Nagetiere sowie Schlingfallen für Röhrenbewohner aus. Diese sind häufig erprobt worden und liefern zuverlässig Lebensmittel in einer Menge, die auch verarbeitet und konserviert werden kann.

Der Bau von improvisierten Fallen für Großtiere führt nur sehr-sehr selten zum Erfolg und stellt eher für den Erbauer eine Gefahr beim Scharfstellen dar.

 

Ich freue mich sehr auf Rückmeldungen zu den Artikeln (an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), sowie über Anregungen zu weiteren »Survivalmythen«, die ich zur Aufklärung nach neuen wissenschaftlichen Angaben überprüfen und in der Praxis austesten werde.

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